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Kinderwunsch-Koller

Als ich mich mit meinem Freund dazu entschlossen habe, die Verhütung einfach in der Schublade zu lassen, war es schlichtweg das Gefühl, damit das Richtige zu tun. Es gab keinerlei äußere Umstände, die den Zeitpunkt zum Rechten oder Falschen erklärten. Trotz aller Unbefangenheit, konnte ich mir den Gedanken „Jetzt machen wir ein Baby“, beim ersten vorsätzlich ungeschützten Akt, nicht verkneifen. Die Harmonie dieses Moments war so unbeschreiblich, dass mir nichts anderes in den Sinn kam, als dass es in diesem Augenblick passieren musste. Auch wenn die anfängliche Euphorie zwischenzeitlich dem nüchternen Blick, den Naturwissenschaftler auf das Wunder des Lebens zu werfen vermögen, weichen musste, hätte es mich keineswegs überrascht, wenn es sofort geklappt hätte. Und so ertappte ich mich dabei, wie ich meine favorisierten Vornamen abwechselnd mit meinem und seinem Familiennamen arrangierte, den eventuellen Geburtstermin ausrechnete und nach schicker Umstandskleidung Ausschau hielt. Nach beinahe einem Jahr des vergeblichen Übens, ist die rosa-rote Plüschfantasie vom trauten Baby-Glück verpufft und die Höhen und Tiefen aus Hoffnung und Verzweiflung haben mich mürbe gemacht. Ganz plötzlich steckt frau tief drin im Kinderwunsch-Wahnsinn. Was ganz harmlos mit Temperaturmessen begonnen hatte, entwickelte sich über kurz oder lang zum gynäkologischen Crashkurs. Die Kontrolle unseres Körpers kontrolliert unseren Verstand und darüber haben wir sie auch schon längst verloren. Zu allem Überfluss gibt es das Internet mit seinem schier unerschöpflichen Pool aus Foren zum Thema Kinderwunsch. Dort reden Frauen, die genau so gepeinigt vom Schicksal sind wie ich, ganz offen über ihren roten, gelben, grünen oder floureszierenden Ausfluss, über Eier, die nicht springen wollen, Blutungen, die nicht sein sollen und Gefühle, die mächtig Achterbahn fahren. Wer bis dahin noch optimistisch der Zukunft entgegen gesehen hat, bekommt spätestens nach einer Stunde Forum-Intensiv-Input den Kinderwunsch-Koller. Dabei suchen wir verhinderten Schwangeren eigentlich nur die Antwort auf eine Frage: „Wann darf ich endlich schwanger sein?“ Dieses Verhalten nimmt beinahe schon zwanghafte Züge an und, dass ich damit nicht allein dastehe, zeigen die beinahe 500.000 Einträge in nur einem Forum, was sich diesem Thema widmet. Ich möchte gerne zu meinem ursprünglichen Aggregatzustand zurück finden. Beinahe unvorstellbare diese Zeit, in der ich noch nicht in meiner Scheide  nach spinnbaren Zervikalschleim wühlte, mit meinem Freund eine Wanne nahm, ohne über Denaturierung menschlicher Proteine nachzudenken, ein Cocktail bestellte, ohne mir Neugeborene mit Alkoholembryopathie vorzustellen. Immer öfter sehne ich mir mein nicht-kinderwünschendes Ich zurück. Doch den Kinderwunsch zu verdrängen ist genauso unmöglich, wie  das Bild eines seiltanzenden Elefanten aus dem Bewusstsein zu verbannen, sobald dieser Satz dort hinein dringt. Trotzdem sollte man sich nach Monaten des Messens und Testens einfach eine Auszeit gönnen. Denn anstatt über Kontrolle mehr Sicherheit zu erlangen, fühlt sich der eigene Körper schnell unzulänglich an. Ob an dem Mythos psycho-induzierter Unfruchtbarkeit etwas dran ist, darüber streiten sich die Wissenschaftler bislang. In einigen Studien konnte bisher kein Zusammenhang zwischen erhöhtem Stresspegel und Fruchtbarkeit hergestellt werden. Auch meine Erfahrungen, die ich während der Ausbildung im Kreißsaal sammeln konnte, spricht eher dagegen. Die wenigsten Frauen wurden während eines Karibik-Urlaubs schwanger. Vielmehr bekam ich den Eindruck als würde sich das Leben trotz widrigster Umstände seinen Weg bahnen.

Trotzdem kann es für das Vertrauensverhältnis zwischen Körper und Seele ganz sinnvoll sein, sich für wenigstens einen Zyklus zu zwingen sein normales Leben wieder aufzunehmen. Es muss ja nicht sein sich zur feierwütigen Partymaus zu entwickeln. Vielleicht reicht es schon, das Thermometer im Schrank zu lassen und statt des Sex nach Plan jedes Mal endlich das Kamasutra abzuarbeiten. Ab und an habe ich mir auch selbst ein kleines Trostgeschenk gemacht, wenn die Mens einsetzte. Mittlerweile  ist mir das allerdings zu kostspielig geworden. Manchmal, wenn dann wieder eine Freundin, Verwandte oder Nachbarin freudestrahlend von ihrer Schwangerschaft berichtet hat, half das allerdings auch nichts mehr. Als ich merkte, dass ich mich extrem auf den Kinderwunsch fixierte, bestellte ich mir das Buch „Gelassen durch die Kinderwunschzeit“ von Birgit Zart. Das Nützlichste an Frau Zarts psycho-esoterischer Kinderwunsch-Bibel ist das Gefühl, einen völlig normalen Prozess zu durchlaufen. Sie erklärt sehr gut und verständlich, warum wir uns so auf schnellen Erfolg versteifen und gibt mit kleinen Gedankenreisen Anstöße sich wieder auf ein gesundes Denken zu programmieren. Von eher technokratisch orientierten Frauen wird dieses Buch oft als weltfremder Humbug abgetan. Auch Frauen, denen tatsächlich alle Gelassenheit der Welt niemals ein Kind bescheren wird, fühlen sich mitunter bevormundet. Ich finde, selbst Frauen bei denen akut kein Kinderwunsch besteht, können einige interessante Informationen für sich heraus nehmen und Strategien entwickeln ihr Gedanken-Karussell  anzuhalten.

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