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Geburtstag auf Sardinesisch

So, da simmer wieder. Zwei Wochen Sardinien-Urlaub liegen hinter uns. Wobei ich zu der Erkenntnis gelangt bin, dass eher vom „Wegsein mit Kind“ die Rede sein sollte, als von Urlaub. Mit dem Wort Urlaub verbinde ich langes Ausschlafen, lecker Essengehen, am Strand rumliegen und lesen, n bisschen Kirchengelatsche und Kultur fürs Gewissen und um Interesse an den Menschen und der Region zu heucheln. All das ist mit Kind -also mit unserem Kind, nicht möglich. Die erste Woche war der Horror. Das kleene Froillein weckte uns morgens gegen sechs (wohlgemerkt, sie geht prinzipiell nicht vor halb neun schlafen). Den kurzen Nächten war es dann auch geschuldet, dass sie im weiteren Tagesverlauf unausstehlich war. Sobald wir im Auto saßen, vielen ihr die Äuglein zu. Aber erst, nachdem sie sich ausgiebig erbrochen hatte. Denn wie wir feststellen mussten, verträgt sie das Autofahren sehr schlecht. Dumm, wenn man sein Ferienappartment auf 480 Meter über N.N. gebucht hat und der Strand und die Zivilisation nur über eine 16 minütige Serpentinenfahrt zu erreichen ist. Die kurze Fahrt reichte jedoch nie aus, um sich von der miesen Laune zu erholen. Also giggelte sie die erste halbe Stunde noch ein wenig, sobald wir jedoch ein Restaurant erreicht hatten, in dem wir uns zum Essen niederlassen wollten, forderte der Schlafmangel seinen Tribut. Weder mit Pizza, Pasta noch mit Fritten gelang es uns, sie zu besänftigen. Am schlimmsten Tag schrie sie nach dem Essen das ganze Einkaufsboulevard zusammen und hielt bis zur Unterkunft durch, wo sie dann schluchzend in unserem Bett einschlief. Solche Ausraster kommen nun scheinbar häufiger vor. Ein paar Tage später -wieder war Schlaf Mangelware- drehte sie am Strand ab, als wir ihr verboten haben, die Tasche auszuräumen. Mit Liebe und Verständnis war ihr nicht beizukommen. Der Versuch, sie im Arm zu halten, ließ das Kind nur noch mehr eskalieren. Sie hat sich gewunden wie ein Wurm, sich in den Sand fallen lassen, bis ihr Gesicht von einer Panade aus Sand und Rotz bedeckt war. Zu Hause ging das Theater dann weiter, als ich sie versuchte zum Mittagsschlaf hin zu legen. Also dachte ich mir, gut du bist jetzt fast ein Jahr alt. Vielleicht musst du jetzt lernen selbst ein bisschen runter zu kommen. Ich sagte ihr noch kurz, dass ich nun das Zimmer verlassen werde und ganz in der Nähe bin. Nach einem kurzen Moment war sie eingeschlafen. Nach über zwei Stunden (!!!) war das Froillein wie ausgewechselt. Die zweite Urlaubswoche gestaltete sich dann tatsächlich entspannter. Ich glaube wirklich, dass es Eltern einfach mal bis „hier“ stehen muss, damit Kinder sich weiterentwickeln können. Es ist ja nun viel und in meinen Augen genug über die sogenannte Ferber-Methode geredet worden. Meistens eher schlecht geredet worden. Tatsächlich habe ich jedoch den Anschein, dass Eltern irgendwann von selbst „Ferbern“, auch wenn sie es gar nicht beabsichtigt haben. Ich habe mich viel mit meinem Bruder, der bereits drei Kinder hat, über Froilleins Schlafprobleme unterhalten. Er erzählte mir von seinem Ältesten, wie er als zehn Monate altes Baby die Angewohnheit hatte, Nachts um vier aufzustehen und mit seinen Eltern spielen wollte. Die beiden waren gerade Mitte zwanzig und noch im Uni-Stress. Sie hatten mit ihm schon einiges durchgemacht. Auch er war ein Schreikind und Schlafverweigerer. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit dem brüllenden Baby im Kinderwagen Spurrillen in die Feldwege gelatscht bin. Wir nannten ihn damals sogar, das Kind, das niemals lachte. Jedenfalls waren mein Bruder und seine Frau nach mehreren Wochen ohne ausreichend Schlaf derart fertig, dass sie eines Nachts einfach so tief geschlafen haben, dass sie meinen Neffen nicht gehört haben. Von da an wurde vieles leichter. Als er musste, hat er es geschafft sich selbst zu beruhigen und zurück in den Schlaf gefunden, den er ja eigentlich dringend brauchte.

Am vergangenen Freitag ist das kleene Froillein also ein Jahr alt geworden. Für mich war das wirklich ein sentimentales Ereignis. Und ich bin mir nicht sicher, ob das Jahr nun schnell oder langsam vergangen ist. Das erste halbe Jahr zog sich jedenfalls wie ein Backcamembert. Traurig bin ich darüber, dass ich das Gefühl habe, es hätte kaum schöne Momente gegeben. Gerade die ersten Wochen nach der Geburt gab es in meiner Wahrnehmung keine Situation, in der ich glücklich gewesen bin. Auch das Stillen habe ich nicht in positiver Erinnerung behalten. Mittlerweile kann ich mir wenigstens hin und wieder vorstellen, ein weiteres Kind zu bekommen. Für KiWu-Frauen ist das jedoch ein Thema, dass ebenfalls alte Wunden aufreißt. Also lassen wir es mit den Vorstellungen über der Zukunft und dem Hadern mit der Vergangenheit und widmen uns den aktuellen Themen: Die Fortschritte, die das kleine Menschlein in den letzten Wochen so gemacht hat. Laufen -und da bin ich ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht, kann sie noch nicht. Obwohl sie ja recht früh gekrabbelt ist und sich seitdem an Möbeln hoch zieht, scheint sie für die freie Vertikale noch nicht genug Stabilität zu besitzen. Da ihr das Sitzen auf dem Po überhaupt nicht zusagt und sie alles, wofür sie freie Hände braucht, auf den Knien hockend erledigt, wird der Rücken nicht gut gestärkt. Ich bin kein Orthopäde, aber wenn ich es selbst ausprobiere, dann brauch ich für das Sitzen auf dem Po mit geraden Rücken mehr Muskelkraft im Oberkörper. Dafür hat sie im „Urlaub“, als sie den steinigen, mediterranen Boden überwinden musste, den Bärengang entdeckt. Auf den Knien zu krabbeln war ihr wohl zu pieksig. Die Motorik scheint derzeit also ebenso wie die rechte untere Zahnleiste einen Gang zurück zu schalten. Wahrscheinlich braucht ihr Sprachzentrum derzeit alle neuronale Aufmerksamkeit, denn mittlerweile plappert das Kind wie ein Wasserfall. Es klingt zwar wie Klingonisch mit Heliumakzent, aber die Intonation -vor allem Befehle und Fragen- beherrscht sie außerordentlich gut.

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Unser Weg zum Ziel

Auf Nachfrage einer Leserin (kueken0709), möchte ich hier kurz zusammenfassen, welche Maßnahmen uns weitergeholfen haben:

Struktur und regelmäßige Nickerchen

Eines unserer Hauptprobleme, als wir in die Tagesklinik kamen, war das ständige Schreien der Kleinen, was an Intensität zunahm, je weniger Schlaf sie tagsüber bekam. Der Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Unausgeglichenheit war also offenkundig. Allerdings war ich nicht in der Lage sie tagsüber zu regelmäßigen Zeiten hinzulegen. Zum einen war jeder Tag, immer in abhängig von der vorangegangen Nacht, anders strukturiert. Mal kamen wir schon gegen sieben aus den Federn, mal blieben wir liegen bis zehn. Zum anderen hatte ich absolut keinen Plan, wie ich das Kind vom Schlafen überzeugen sollte. Sobald ich sie hinlegte, schrie sie wie am Spieß. Noch mehr Geschrei konnte und wollte ich mir nicht zumuten und steckte sie letzten Endes ins Tragetuch und legte dann Kilometer um Kilometer in der Wohnung und näheren Umgebung zurück, in der Hoffnung ihr damit in den Schlaf zu helfen. Meist funktionierte das, jedoch blieb dadurch keine Sekunde Ruhe für mich übrig. In der Klinik ist der Tagesablauf fest vorgegeben. Jeden Morgen muss ich dort mit Kind und Kegel um kurz vor acht auf der Matte stehen. Am Vormittag lege ich sie das erste, gegen Mittag das zweite Mal hin. In den meisten Fällen funktioniert das Schlafen im Kinderbett ganz gut. Allerdings wäre es gelogen, würde ich behaupten, selig schließt sie ihre Äuglein, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und dann schlummert sie sanft hinweg. Im Gegenteil brauche ich häufig 10 bis 15 Minuten, in denen ich verschiedene Methoden anwende, sie zu beruhigen. Das können auch jeden Tag andere Tricks sein. Es gibt bei Kindern einfach kein  Patentrezept, das immer funktioniert. Dieses in den Schlaf bringen kostet mich etliche Nerven und stellt meine Geduld tagtäglich auf die Probe. Ich könnte an die Decke gehen, wenn dieses Kind trotz aller Bemühungen und offensichtlicher Übermüdung einfach nicht schlafen will (?) oder kann…? Das ist das nächste Problem, was ich in den vergangenen Wochen angegangen bin…diese ätzende, einen von innen aushöhlende Wut, die mich jedes Mal überkommt, wenn mein Kind wiedereinmal nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe, wenn ich wiedermal „versagt“ habe, weil ich es wiedermal nicht geschafft habe eine gute Mutter zu sein.

Den Teufelskreis durchbrechen

Die eigene Wut und Überforderung überträgt sich auf das Kind. Es wird verunsichert und reagiert mit Schreien und Schlafproblemen, denn Sprechen kann ein Säugling in der Regel noch nicht, was den Teufelskreis weiter anheizt. Um aussteigen zu können, musste ich erst einmal erkennen, wann bei mir das Fass kurz vorm Überlaufen ist. Das ist gar nicht so einfach, da man als Mutter doch schnell das Gefühl für seine eigenen Bedürfnisse verliert. Außerdem bedeutet es gleichzeitig, sich seine Unzulänglichkeiten einzugestehen. Ist es soweit, dann muss ich etwas anderes tun, als auf Biegen und Brechen versuchen, das Kind zu beruhigen. Denn damit erreiche ich eh nur das Gegenteil. In der Klinik kann ich die Kleine dann einem Betreuer zur Aufsicht in die Hand drücken und mich abreagieren gehen. Die Wut muss schließlich raus. Zu Hause ist es natürlich nicht möglich, sich für längere Zeit vom schreiende Kind zu entfernen. Dennoch ist es für alle Beteiligten das Beste, die Kleine für einen kurzen Zeitraum sicher abzulegen -auch wenn sie schreit- und dann im Nebenraum ins Kissen brüllen, die Matratze verprügeln oder einfach zum Lieblingslied abhotten. Im Idealfall gibt es auch daheim jemanden, der das Kind in der Zeit des kontrollierten Totalausfalls übernehmen kann.

Eigenen Bedürfnissen nachgehen

Auch wenn man als Mutter in den ersten Monaten mit Kind das Gefühl hat, die eigene Persönlichkeit wäre in Auflösung begriffen, ist es unabdingbar sich kleine Freiräume und Ruhepausen zu gönnen. Wenn der Nachtschlaf rar ist, MUSS man sich einfach tagsüber hinlegen. Was für manche selbstverständlich sein mag, muss ich mir hart erarbeiten, denn ich bin absolut kein Tagschläfer. Tatsächlich ist es einfach eine Frage des Trainings und natürlich der Übermüdung, ob man am Tage schlafen kann. Ideal ist es natürlich, sich hinzulegen, sobald das Kind schläft. Mir war das lange Zeit gar nicht möglich, da meine Tochter schließlich nur tragend oder fahrend ihr Schläfchen machte. Auch deshalb ist es für mich ein riesen Fortschritt das Kind im eigenen Bett schlafen zu sehen. Mittlerweile sind unsere Stillabstände soweit eingependelt, dass es möglich ist, die Kleine für ein bis zwei Stunden den Großeltern zu überlassen. Solche babyfreien Zeiten sind wirklich wichtig um wieder Kraft zu tanken und wären mir auch das Geld für einen Babysitter wert.

In Anbetracht der Tatsache, dass meine Tochter und ich uns erst seit ein paar Monaten kennen, sind wir auf einem guten Weg 😉

Fünf Monate

Am 15. Oktober ist unsere kleine Madame fünf Monate alt geworden. Fünf Monate, die unser Leben komplett umgekrempelt haben. Rückblickend muss ich gestehen, dass das die schwierigsten und ja…leider sogar die schlimmsten Monate meines Lebens waren. Und auf einmal wird mir klar, woher all die Karrierefrauen mit Kind kommen, die nach Ablauf der Wochenbettfrist wieder stramm stehen. Was hätte ich in den ersten Wochen nach der Geburt darum gegeben einen Job zu haben, in den ich mich hätte flüchten können, vor dem Geschrei, der Überforderung, den schlaflosen Nächten, den platzenden Brüsten. Aber es gab nichts, was ein Davonlaufen legitimiert hätte. Also bin ich geblieben und habe die Zähne zusammengebissen und geflucht und geflennt. Darüber, dass ich ein Schreikind habe, dass ich so schwach bin und nichts aushalten kann.

Die vergangenen sechs Wochen haben wir in der Tagesklinik für crazy Moms verbracht. Unsere Diagnose -wenn man das so nennen kann- lautet im Großen und Ganzen: Regulationsstörung. Im Prinzip hat sich damit bestätigt, was ich, seit dem ich mein Kind kenne, schon beobachtet habe. Das ausdauernde Schreien, die Schwierigkeiten in den Schlaf zu finden, sind alles Symptome desselben Problems. Sie ist nicht in der Lage sich selbst zu beruhigen. Was ich mir allerdings erst während der letzten Wochen eingestehen musste, ist, dass ICH es nicht schaffe ihr die Sicherheit zu vermitteln, die sie für eine Selbstregulation benötigt. Irgendwann sind wir in einen Teufelskreis geraten, in dem wir uns in unserer Anspannung stets und ständig gegenseitig hochschaukeln. Ob das bereits einen Tag nach der Geburt, als die ersten Stillprobleme auftraten, begann, ist unklar. Doch ganz egal, seit wann wir auf diesem Kettenkarussell gefesselt sind, wichtig ist nun, das Ding anzuhalten und den Ausstieg zu schaffen. Gemeinsam mit den Therapeuten und den Helfern im Alltag haben wir ein Konzept erarbeitet, das mir helfen soll, mir im Alltag Freiräume und Pausen zu schaffen.

Heute ist vieles einfacher. Die Kleine schreit bedeutend weniger. Wenn sie neuen Gesichtern begegnet, lacht sie sogar so viel, dass sie bei Bekannten als kleiner Sonnenschein gilt. (Bei allen anderen, die sie seit ihrer Geburt kennen, muss sie sich diesen Ruf allerdings härter erarbeiten.) Motorisch ist sie top fit und den Erwartungen für diesen Lebensmonat weit voraus. Nachdem sie sich nun schon einige Wochen drehen kann, übt sie jetzt fleißig den Vierfüßlerstand. Und ich bin für jeden Entwicklungsschritt ehrlich dankbar, da ich das Gefühl habe, dadurch ein ausgeglicheneres Kind zu bekommen, was wiederum mir mehr Freiheit zurückgibt. Die Nächte sind nach wie vor unberechenbar und bisweilen durch stündliche Unterbrechungen gekennzeichnet. Das ist für mich immernoch die Hölle und es ist einfach lebensnotwendig, sich in diesen Situationen einen Notfallplan zu erarbeiten. Derzeit übernimmt mein Mann bis drei Uhr. Danach bin ich an der Reihe. Die letzten beiden Wochenenden haben wir bei meinen Eltern verbracht, sodass ich unser frühes Vögelchen ab fünf Uhr hätte abgeben können. Tatsächlich war das gar nicht notwendig, denn interessanter Weise schläft das Froillein im ländlichen Raum tendenziell besser und länger. Ob das nun mit der deftigen Landluft frisch gedüngter Felder oder der kleinstädtischen Idylle zu tun hat, ist fraglich. Vielmehr bin ich überzeugt, dass sich unsere Entspannung auf die Kleine überträgt. Denn letztlich spiegelt ein Kind nicht nur die negativen Emotionen seiner Eltern.

Am Ende der Kraft ist immer noch soviel Tag übrig

Lange habe ich mich nicht mehr gemeldet. Das hatte seine Gründe. Wir befinden uns mittlerweile „in treatment“. Ja, wir haben uns nach endlosen Gesprächen mit einer Psychologin, vielen guten und leider noch mehr schlechten Tagen und Nächten dazu entschlossen, es richtig anzugehen. Meine Tochter und ich gehen nun von Montag bis Freitag in eine Tagesklinik für beknackte Mütter. Seit anderthalb Wochen stehen wir nun jeden Tag zur selben Zeit auf. Zwischen den gemeinschaftlichen Mahlzeiten, die dem Tag Struktur geben sollen, legen alle ihre Kinder zum Schlafen hin. Wann und für wie lange geschlafen wird, entscheidet jedes Eltern für sich und das Kind. Ich spreche von Eltern, da es auch Vätern möglich ist, das Angebot der Tagesklinik zu nutzen. Daneben werden etliche Therapieformen angeboten, die sich jeder selbst zusammenstellen kann. Nur die Gespräche mit den Psychotherapeuten sind mehr oder weniger verpflichtend und werden nach Bedarf angepasst. Ab und an besteht die Möglichkeit, die Kinder von den Betreuern bespaßen zu lassen, um sich im Mehrzweckraum die Wut aus dem Bauch zu brüllen, eine Runde durch den Park zu joggen oder einfach mal gemütlich aufs Klo zu gehen.

Nun lege ich die Kleene also vormittags und Mittags in der Einrichtung hin, nachmittags schläft sie dann im Tragetuch oder Wagen während der Hunderunde. Obwohl wir noch Schwierigkeiten mit der Lautstärke der Mitpatientenkinder haben, klappt das Hinlegen über den Tag erstaunlich gut und ich frage mich, warum wir uns zu Hause bis dato so abgemüht haben. Ich glaube, das Geheimnis liegt zum Teil in der Gruppendynamik. Dadurch, dass alle ihre Kinder Schlafen legen, fällt es mir persönlich leichter wirklich konsequent durchzuhalten, bis die kleine Krähe allem Gezeter zum Trotz eingeschlafen ist. Tröstlich ist außerdem, zu sehen, dass andere junge Familien mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

Nun müssen wir nur noch an unserem Miteinander arbeiten, denn ohne Frage sind Kinder der Spiegel ihrer Eltern und auch wenn ich lieber meinen Lakritzkonsum während der Schwangerschaft dafür verantwortlich machen würde, muss ich doch zugeben, dass ich eine absolut unentspannte Mutter bin. Und ohne professionelle Hilfe kommen wir aus unserer Anspannungs-Spirale einfach nicht raus.

 

 

Der ganz normale Wahnsinn

„allerdings waren meine Gedanken zu diesem Zeitpunkt bei weitem nicht so geordnet wie deine. Hut ab! Das Tagebuch und die Art wie ihr mit der Situation umgeht finde ich klasse!“

Liebe Nadja, dass meine Gedanken so geordnet erscheinen, kommt nicht von ungefähr. Wir ich bereits erwähnt hatte, haben wir uns auf Empfehlung meiner Hebamme an das Zentrum für frühe Interaktionsstörungen gewandt. Diese Einrichtung ermöglicht Müttern, sich mit ihren Kindern in einer Tagesklinik betreuen zu lassen, sofern eine Interaktionsstörung vorliegt. Bei uns war das jedoch so eindeutig nicht der Fall. Wir haben nun schon einige Gesprächstermine mit einer Psychologin hinter uns und sind zu dem Schluss gelangt, dass ich wohl einfach mit dem Schlafentzug und der Anpassung an einen Mutti-Tagesablauf Schwierigkeiten habe. Eine gestörte Bindung zu meiner Tochter liegt jedoch nicht vor. Bestärkt wurde unser „Fazit“ durch ein Gespräch mit einer Psychiaterin. Diese, selbst Mutter, kennt den ganz normalen Wahnsinn, den eine Frau beim ersten Kind durchlebt. Ich habe ihr geschildert, wie es mir so geht und mit welchen Gedanken und Gefühlen ich mich so konfrontiert sehe. Sie hörte sich das alles an und meinte schließlich, aber das ist doch ganz normal!

Es ist schon erstaunlich, wie ein Kind das Leben von heute auf morgen umkrempelt. Dabei habe ich doch gedacht, mir bzw. uns würde es am allerwenigsten schwer fallen, uns auf ein Leben mit Kind einzustellen. Wir gehen selten abends aus, Treffen mit Freunden finden in einem familiären Rahmen statt, unsere Hobbys und Freizeitaktivitäten schienen mir ebenfalls kinderfreundlich zu sein. Und dann ist das Kleine auf der Welt und plötzlich muss ich feststellen, dass ich selbst zu meinem Langweilerdasein nicht mehr komme. Das Kind schreit natürlich genau dann, wenn etwas interessanten in der Glotze läuft. Es kotzt in dem Moment, wenn man mal kein Spucktuch über der Schulter trägt. Es wird urplötzlich wach, wenn man mit seinem Partner „kuscheln“ will. Meine Hände sind von nun an dazu da, das Kind zu halten, zu streicheln, zu trösten, anstatt Staub zu wischen oder was Kleines zu nähen. Meine Brüste sind keine erogene Zone mehr -sofern sie das je waren, sondern die Nahrungsquelle meiner Tochter. Statt Rockhymnen auf der Gitarre zu schmettern, singt meine Stimme leise Lieder zur Nacht und formt Brabbellaute um die Kleine bei Laune zu halten. Ganz klar, an so eine Umstellung muss sich wohl jede(r) erst einmal gewöhnen. Die Eine ist darin schneller, die andere, so wie ich, tut sich an manchen Tagen damit schwerer. Und letztlich haben wir ja auch viel Zeit uns aufeinander einzustellen.

Zum Thema schlaflose Nächte, kann ich mich heute nur lobend über unsere Kronprinzessin äußern. Diese Nacht hat sie zum ersten mal von 22Uhr bis 6Uhr morgens geschlafen. Acht Stunden dürften ja dann als durchgeschlafen gelten! Nun bin ich mir allerdings nicht sicher, ob ihr Schlafverhalten eine Folge der gestrigen Sechsfach-Impfung oder schon ein erster Schritt weg von den „dummen 3 Monaten“ ist. Sollte es nur eine Impfreaktion sein, nehme ich sie gerne, statt des angedrohten Fiebers und der Unruhe. Tatsächlich sind die vergangenen Tage wirklich sehr ruhig und angenehm verlaufen, nachdem die Hübsche vor etwa zwei Wochen begann, uns wieder mit viel Geschrei und lebhaften Nächten zu quälen. Zu der Zeit hatten wir Besuch und waren viel unterwegs, was die Kleine total aufgerieben hat. Nach ein paar Tagen war der Besuch von Dannen gezogen, aber das schreiende Kind und ein fetter Milchstau blieben. Bis dahin schlief die kleine Madame übrigens immernoch in meinem Bett. Nach einer Nacht mit einer Pobacke auf 10 cm Matratze und der anderen auf dem Holz, habe ich sie dann einfach in ihr eigenes Bett gelegt. Und seit dem sind wir beide viel zufriedener. Sie kann sich jetzt des Nachts austoben, ohne mich ständig anzustupsen. Wenn sie grunzt wie ein kleines Schweinchen, mach ich mir einfach Ohropax rein.

Manchmal,aber nur manchmal kann es so einfach sein 🙂

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Schreikind

Unfassbar, ich finde ein paar Minuten der Freihändigkeit und Stille, um an meinem Blog zu schreiben! Das ist selten geworden in letzter Zeit. Unser Kind ist nun beinahe 7 Wochen alt und denkt noch gar nicht daran das Schreien einzustellen. Wir haben uns durch die gängige Elternliteratur nach Erklärungsversuchen gewühlt. Mein Mann steht dann plötzlich im Zimmer, während ich das untröstliche Kind in meinen Armen wiege, und hat jede Woche eine neue Begründung für ihr Schreien gefunden. In Woche eins waren es die Koliken, also massierten wir ihren Bauch. In Woche zwei waren die Blockaden die Übeltäter und ich machte einen Termin beim Osteopathen. In Woche drei war es das schwüle Wetter, was ihr vermeintlich den Schlaf raubte und sie grantig machte, wogegen wir herzlich wenig auszurichten vermochten. In Woche vier glaubte er mit den vielen Eindrücken, die sie überfordern eine Erklärung gefunden zu haben, weshalb wir versuchten, sie häufiger ins Tragetuch zu stecken. In der 5. Woche kam mein Mann auf die Idee, die Kleine könnte nicht satt werden, also gab ich ihr vorübergehend zwei Brüste pro Mahlzeit. In Woche sechs kauften wir ihr eine Hängematte, da die Stimulation des Gleichgewichtssinns dazu beitragen soll, das Kind zu beruhigen. Nun sind wir in der siebten Woche angelangt und kehren zurück zu den Ursprüngen: Laut meines Mannes sind es doch Koliken. Nun haben wir Blähungszäpfchen von Wala und Kümmelöl mit denen wir den quälenden Gasen den Kampf ansagen wollen.

Von Drei-Monats-Koliken zu sprechen, ist dabei eine galante Bezeichnung, da jedes Kind pupst und die Ursache somit schnell gefunden ist und Koliken ja auch etwas sind, die tief verborgen im Inneren des Kindes vor sich gehen. In Wirklichkeit ist es wohl ganz einfach so, dass es für das Schreien keinen Grund gibt. So steht es auch in den meisten Ratgebern zum Thema Schreikinder. Doch gerade mit dieser Grundlosigkeit, die in gewissen Maße auch ein Ausgeliefertsein in sich birgt, will sich so recht keiner abfinden. Der erste Weg -und so ist es ja auch richtig, führt die meisten Eltern zum Kinderarzt. So wie das Kleine schreit, muss es doch Schmerzen haben. Der kennt das schon, macht den Klopftest, aus dem Bauch klingt es hohl und dumpf, wie aus einer reifen Melone. Um die Eltern ruhig zu stellen, verschreibt der Arzt einen Entschäumer (Lefax, Espumisan, SabSimplex usw), denn auch er weiß, dass Eltern vorallem eins wollen: was tun können! Genauso sind Eltern halt heutzutage: gibt es ein Problem, muss eine Lösung her. Kommt das Kind in der Schule nicht mit, wird es halt mit Nachhilfe behandelt bis der Kopf platzt. Vielleicht können wir aus der Schreiphase unserer Kinder jedoch auch etwas anderes lernen. Manche Dinge müssen wir einfach akzeptieren. Das Kind schreit nun mal, weil es vielleicht gerne schreit, weil es irgendwie zu unserem Kind gehört. Da Erwachsene mit Schreien immer Schmerz und Qual verbinden, ist es schwer das Schreien hinzunehmen und sich nicht schuldig zu fühlen. Doch mal im Ernst, wir haben alles erdenkliche getan, damit es unserem Kind gut geht. Es gestillt, gewindelt, im Arm gewogen, ihm etwas vorgesungen, sind mit ihm den Walzer durch die Wohnung getanzt. Als erstes ist es wohl einfach unabdingbar, sich von jeglicher Schuld freizusprechen. Und möglicherweise trägt die eigene Entspannung dazu bei, die ständige Rückkopplung zwischen genervten Kind und genervten Erwachsenen zu unterbrechen. Ansonsten habe ich vor ein paar Tagen begonnen, ein Schreitagebuch zu führen. Im Buch „Babyjahre“ von Remo H. Largo ist ein Vordruck eines solchen Wochenplans drin. Nachdem ihr jeden Tag die Schrei- Wach- und Schlafphasen eures Kindes eingetragen habt, könnt ihr ersehen, wie häufig das Kind tatsächlich schreit. Damit könnt ihr außerdem schauen, ob sich bereits ein Tagesrythmus beim Kind eingestellt hat. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass ihr die guten Tage schwarz auf weiß gebannt vor euch liegen habt, euch dieser erinnert und vielleicht schon Licht am Ende des Tunnels seht. Mir fällt nun auf, dass die Kleine immer häufiger wach ist, ohne zu schreien. Sich solcher Momente zu entsinnen, wie sie einen dann anlächelt, quiekt und quakt, hilft ungemein die abendlichen Schreistunden zu überstehen.

Anhand des Schreitagebuchs wird auch ersichtlich, wieviel das Kind schläft. Angeblich sollen Säuglinge diesen Alters an die 18 Stunden pro Tag schlafen. Wir sind meist bei 13, maximal 15 Stunden. Da die Kleine zu wenig schläft, kommt sie häufig in einen Zustand der Übermüdung. Gerade gegen Abend, wenn das Schlafdefizit am höchsten ist, schreit sie sich dermaßen in Rage, dass sie wiederum nicht einschlafen kann. Mein Plan lautet daher, Schreien durch mehr Schlaf reduzieren.

Als kleine Anregung und auf dem Weg zur Erkenntnis, dass eigentlich nichts hilft, eine Liste unserer Versuche und Verzweiflungstaten und -käufe das Kind zu beruhigen:

  • SabSimplex kaufte ich auf Empfehlung unserer Kinderärztin. Das Resultat war, dass sich die Stuhlgangzeiten unserer Kleinen in die Nacht verlagerten und sie schlechter denn je schlief. Nach fünf Tagen setzten wir das Zeug wieder ab und haben seitdem Nachts nur noch Pipi-Windeln.
  • Osteopathie. Eine Blockade im Hals-Nackenbereich hielt ich aufgrund der langen Geburt mit feststeckender Schulter für wahrscheinlich und als Ursache für Babys Übellaunigkeit. Tatsächlich stellte der Osteopath Verspannungen in der Schulter und im Hals fest. Nach der zweiten Sitzung waren diese angeblich auch gelöst. Eine Verbesserung der Schreianfälle konnten wir nicht verzeichnen, dafür trank die Kleine gleich nach der ersten Behandlung besser an der Brust.
  • Fenchel-Anis-Kümmel-Tee für die Mama. Seitdem sie auf der Welt ist, bekommt sie das Gebräu indirekt über die Milch, ob die Blähungen ohne Tee schlimmer wären, kann ich also nicht beurteilen.
  • Ernährung. Bis auf Zwiebeln, da ich das Zeug einfach nicht mag, esse ich wieder alles. Wer sich ein wenig über Schreikinder und die angeblichen Drei-Monats-Koliken belist, wird bald auch wieder ohne Schuldgefühle Bohnen essen.
  • Tragetuch. Das war für uns in den vergangenen Wochen oft die letzte Rettung. Im Tuch wird sie ruhig und sackt nach wenigen Schritten schlafend in  sich zusammen. Laut Largo sollen Kinder mindestens drei Stunden am Tag getragen werden, damit die Schreiphase um ein paar Wochen verkürzt wird. Mittlerweile ist das Tuch jedoch nur noch ein Garant für guten Schlaf, wenn sich der Tragende bewegt. Der Vorteil ist, dass man auf diese Weise die Hände frei hat und wenigstens ein paar Dinge im Haushalt schafft.
  • Kinderwagen. Anfangs funktionierte die Fahrt über das Ostdeutsche-Hubbel-Pflaster noch ganz wunderbar. Jetzt können wir uns aber auch auf die einschläfernde Wirkung der hiesigen Huckelpisten auch nicht mehr verlassen und müssen es in Kauf nehmen mit schreienden Kind im Wagen durch die Gegend zu rennen. Böse Blicke älterer Damen und der kalte Schweiß im Nacken inklusive.
  • Verdunklungsrollos. Eine Investition die sich bisher ausgezahlt zu haben scheint. Seitdem es im Schlafzimmer auch morgens noch dämmrig ist, steht Madame nicht schon mit den Lerchen auf. Wer länger als bis fünf schlafen kann, hat auch mehr Kraft den Tag zu bewältigen und steckt die Schreistunden besser weg.
  • Hängematte. Das war mein Traum: Kind in die Matte legen, ein wenig schaukeln und schon fallen die Äuglein zu. Die Realität sieht leider anders aus. Manchmal lässt sie sich damit beruhigen. Die Verschnaufpause hält jedoch nur wenige Minuten an, danach geht es munter weiter. Außerdem wird das Kind von unten in einer Hängematte schnell kalt, wenn man nicht die entsprechenden Auflagen mit erworben hat.
  • Schaukelstuhl. Der gute alte Schaukelstuhl tuts noch am besten und ist meine Geheimwaffe für den Abend. Wenigstens muss man dann nicht die ganze Zeit stehen und rumlaufen.
  • Schnuller. Wir sind nun auch stolze Besitzer einer gigantischen Nuckelsammlung jeglicher Größen und Formen, die von unserem Kind allesamt kategorisch abgelehnt werden. Vielleicht sollte ich meinen Nippel in Kautschuk gießen lassen, denn nur an denen kann sie sich in den Schlaf saugen.
  • Mal so, mal anders. Manche Dinge, die an einem Tag nichts gebracht haben, führen plötzlich am nächsten Tag zum Erfolg…und leider auch umgekehrt. Es gibt Abende da lieg ich mit dem schreienden Kind im Bett, nehme sie nach dem Stillen in den Arm, singe ihr „Der Mond ist aufgegangen“ vor und wiege sie ein wenig hin und her und schon schläft sie ein. Tags darauf hilft das alles nichts und sie lässt sich nur mit Brust im Mund beruhigen.

Also weiterhin Zähne zusammen beißen und durchhalten!

 

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