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Archiv für das Schlagwort “Regulationsstörung”

Unser Weg zum Ziel

Auf Nachfrage einer Leserin (kueken0709), möchte ich hier kurz zusammenfassen, welche Maßnahmen uns weitergeholfen haben:

Struktur und regelmäßige Nickerchen

Eines unserer Hauptprobleme, als wir in die Tagesklinik kamen, war das ständige Schreien der Kleinen, was an Intensität zunahm, je weniger Schlaf sie tagsüber bekam. Der Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Unausgeglichenheit war also offenkundig. Allerdings war ich nicht in der Lage sie tagsüber zu regelmäßigen Zeiten hinzulegen. Zum einen war jeder Tag, immer in abhängig von der vorangegangen Nacht, anders strukturiert. Mal kamen wir schon gegen sieben aus den Federn, mal blieben wir liegen bis zehn. Zum anderen hatte ich absolut keinen Plan, wie ich das Kind vom Schlafen überzeugen sollte. Sobald ich sie hinlegte, schrie sie wie am Spieß. Noch mehr Geschrei konnte und wollte ich mir nicht zumuten und steckte sie letzten Endes ins Tragetuch und legte dann Kilometer um Kilometer in der Wohnung und näheren Umgebung zurück, in der Hoffnung ihr damit in den Schlaf zu helfen. Meist funktionierte das, jedoch blieb dadurch keine Sekunde Ruhe für mich übrig. In der Klinik ist der Tagesablauf fest vorgegeben. Jeden Morgen muss ich dort mit Kind und Kegel um kurz vor acht auf der Matte stehen. Am Vormittag lege ich sie das erste, gegen Mittag das zweite Mal hin. In den meisten Fällen funktioniert das Schlafen im Kinderbett ganz gut. Allerdings wäre es gelogen, würde ich behaupten, selig schließt sie ihre Äuglein, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und dann schlummert sie sanft hinweg. Im Gegenteil brauche ich häufig 10 bis 15 Minuten, in denen ich verschiedene Methoden anwende, sie zu beruhigen. Das können auch jeden Tag andere Tricks sein. Es gibt bei Kindern einfach kein  Patentrezept, das immer funktioniert. Dieses in den Schlaf bringen kostet mich etliche Nerven und stellt meine Geduld tagtäglich auf die Probe. Ich könnte an die Decke gehen, wenn dieses Kind trotz aller Bemühungen und offensichtlicher Übermüdung einfach nicht schlafen will (?) oder kann…? Das ist das nächste Problem, was ich in den vergangenen Wochen angegangen bin…diese ätzende, einen von innen aushöhlende Wut, die mich jedes Mal überkommt, wenn mein Kind wiedereinmal nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe, wenn ich wiedermal „versagt“ habe, weil ich es wiedermal nicht geschafft habe eine gute Mutter zu sein.

Den Teufelskreis durchbrechen

Die eigene Wut und Überforderung überträgt sich auf das Kind. Es wird verunsichert und reagiert mit Schreien und Schlafproblemen, denn Sprechen kann ein Säugling in der Regel noch nicht, was den Teufelskreis weiter anheizt. Um aussteigen zu können, musste ich erst einmal erkennen, wann bei mir das Fass kurz vorm Überlaufen ist. Das ist gar nicht so einfach, da man als Mutter doch schnell das Gefühl für seine eigenen Bedürfnisse verliert. Außerdem bedeutet es gleichzeitig, sich seine Unzulänglichkeiten einzugestehen. Ist es soweit, dann muss ich etwas anderes tun, als auf Biegen und Brechen versuchen, das Kind zu beruhigen. Denn damit erreiche ich eh nur das Gegenteil. In der Klinik kann ich die Kleine dann einem Betreuer zur Aufsicht in die Hand drücken und mich abreagieren gehen. Die Wut muss schließlich raus. Zu Hause ist es natürlich nicht möglich, sich für längere Zeit vom schreiende Kind zu entfernen. Dennoch ist es für alle Beteiligten das Beste, die Kleine für einen kurzen Zeitraum sicher abzulegen -auch wenn sie schreit- und dann im Nebenraum ins Kissen brüllen, die Matratze verprügeln oder einfach zum Lieblingslied abhotten. Im Idealfall gibt es auch daheim jemanden, der das Kind in der Zeit des kontrollierten Totalausfalls übernehmen kann.

Eigenen Bedürfnissen nachgehen

Auch wenn man als Mutter in den ersten Monaten mit Kind das Gefühl hat, die eigene Persönlichkeit wäre in Auflösung begriffen, ist es unabdingbar sich kleine Freiräume und Ruhepausen zu gönnen. Wenn der Nachtschlaf rar ist, MUSS man sich einfach tagsüber hinlegen. Was für manche selbstverständlich sein mag, muss ich mir hart erarbeiten, denn ich bin absolut kein Tagschläfer. Tatsächlich ist es einfach eine Frage des Trainings und natürlich der Übermüdung, ob man am Tage schlafen kann. Ideal ist es natürlich, sich hinzulegen, sobald das Kind schläft. Mir war das lange Zeit gar nicht möglich, da meine Tochter schließlich nur tragend oder fahrend ihr Schläfchen machte. Auch deshalb ist es für mich ein riesen Fortschritt das Kind im eigenen Bett schlafen zu sehen. Mittlerweile sind unsere Stillabstände soweit eingependelt, dass es möglich ist, die Kleine für ein bis zwei Stunden den Großeltern zu überlassen. Solche babyfreien Zeiten sind wirklich wichtig um wieder Kraft zu tanken und wären mir auch das Geld für einen Babysitter wert.

In Anbetracht der Tatsache, dass meine Tochter und ich uns erst seit ein paar Monaten kennen, sind wir auf einem guten Weg 😉

Fünf Monate

Am 15. Oktober ist unsere kleine Madame fünf Monate alt geworden. Fünf Monate, die unser Leben komplett umgekrempelt haben. Rückblickend muss ich gestehen, dass das die schwierigsten und ja…leider sogar die schlimmsten Monate meines Lebens waren. Und auf einmal wird mir klar, woher all die Karrierefrauen mit Kind kommen, die nach Ablauf der Wochenbettfrist wieder stramm stehen. Was hätte ich in den ersten Wochen nach der Geburt darum gegeben einen Job zu haben, in den ich mich hätte flüchten können, vor dem Geschrei, der Überforderung, den schlaflosen Nächten, den platzenden Brüsten. Aber es gab nichts, was ein Davonlaufen legitimiert hätte. Also bin ich geblieben und habe die Zähne zusammengebissen und geflucht und geflennt. Darüber, dass ich ein Schreikind habe, dass ich so schwach bin und nichts aushalten kann.

Die vergangenen sechs Wochen haben wir in der Tagesklinik für crazy Moms verbracht. Unsere Diagnose -wenn man das so nennen kann- lautet im Großen und Ganzen: Regulationsstörung. Im Prinzip hat sich damit bestätigt, was ich, seit dem ich mein Kind kenne, schon beobachtet habe. Das ausdauernde Schreien, die Schwierigkeiten in den Schlaf zu finden, sind alles Symptome desselben Problems. Sie ist nicht in der Lage sich selbst zu beruhigen. Was ich mir allerdings erst während der letzten Wochen eingestehen musste, ist, dass ICH es nicht schaffe ihr die Sicherheit zu vermitteln, die sie für eine Selbstregulation benötigt. Irgendwann sind wir in einen Teufelskreis geraten, in dem wir uns in unserer Anspannung stets und ständig gegenseitig hochschaukeln. Ob das bereits einen Tag nach der Geburt, als die ersten Stillprobleme auftraten, begann, ist unklar. Doch ganz egal, seit wann wir auf diesem Kettenkarussell gefesselt sind, wichtig ist nun, das Ding anzuhalten und den Ausstieg zu schaffen. Gemeinsam mit den Therapeuten und den Helfern im Alltag haben wir ein Konzept erarbeitet, das mir helfen soll, mir im Alltag Freiräume und Pausen zu schaffen.

Heute ist vieles einfacher. Die Kleine schreit bedeutend weniger. Wenn sie neuen Gesichtern begegnet, lacht sie sogar so viel, dass sie bei Bekannten als kleiner Sonnenschein gilt. (Bei allen anderen, die sie seit ihrer Geburt kennen, muss sie sich diesen Ruf allerdings härter erarbeiten.) Motorisch ist sie top fit und den Erwartungen für diesen Lebensmonat weit voraus. Nachdem sie sich nun schon einige Wochen drehen kann, übt sie jetzt fleißig den Vierfüßlerstand. Und ich bin für jeden Entwicklungsschritt ehrlich dankbar, da ich das Gefühl habe, dadurch ein ausgeglicheneres Kind zu bekommen, was wiederum mir mehr Freiheit zurückgibt. Die Nächte sind nach wie vor unberechenbar und bisweilen durch stündliche Unterbrechungen gekennzeichnet. Das ist für mich immernoch die Hölle und es ist einfach lebensnotwendig, sich in diesen Situationen einen Notfallplan zu erarbeiten. Derzeit übernimmt mein Mann bis drei Uhr. Danach bin ich an der Reihe. Die letzten beiden Wochenenden haben wir bei meinen Eltern verbracht, sodass ich unser frühes Vögelchen ab fünf Uhr hätte abgeben können. Tatsächlich war das gar nicht notwendig, denn interessanter Weise schläft das Froillein im ländlichen Raum tendenziell besser und länger. Ob das nun mit der deftigen Landluft frisch gedüngter Felder oder der kleinstädtischen Idylle zu tun hat, ist fraglich. Vielmehr bin ich überzeugt, dass sich unsere Entspannung auf die Kleine überträgt. Denn letztlich spiegelt ein Kind nicht nur die negativen Emotionen seiner Eltern.

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