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Geburtstag auf Sardinesisch

So, da simmer wieder. Zwei Wochen Sardinien-Urlaub liegen hinter uns. Wobei ich zu der Erkenntnis gelangt bin, dass eher vom „Wegsein mit Kind“ die Rede sein sollte, als von Urlaub. Mit dem Wort Urlaub verbinde ich langes Ausschlafen, lecker Essengehen, am Strand rumliegen und lesen, n bisschen Kirchengelatsche und Kultur fürs Gewissen und um Interesse an den Menschen und der Region zu heucheln. All das ist mit Kind -also mit unserem Kind, nicht möglich. Die erste Woche war der Horror. Das kleene Froillein weckte uns morgens gegen sechs (wohlgemerkt, sie geht prinzipiell nicht vor halb neun schlafen). Den kurzen Nächten war es dann auch geschuldet, dass sie im weiteren Tagesverlauf unausstehlich war. Sobald wir im Auto saßen, vielen ihr die Äuglein zu. Aber erst, nachdem sie sich ausgiebig erbrochen hatte. Denn wie wir feststellen mussten, verträgt sie das Autofahren sehr schlecht. Dumm, wenn man sein Ferienappartment auf 480 Meter über N.N. gebucht hat und der Strand und die Zivilisation nur über eine 16 minütige Serpentinenfahrt zu erreichen ist. Die kurze Fahrt reichte jedoch nie aus, um sich von der miesen Laune zu erholen. Also giggelte sie die erste halbe Stunde noch ein wenig, sobald wir jedoch ein Restaurant erreicht hatten, in dem wir uns zum Essen niederlassen wollten, forderte der Schlafmangel seinen Tribut. Weder mit Pizza, Pasta noch mit Fritten gelang es uns, sie zu besänftigen. Am schlimmsten Tag schrie sie nach dem Essen das ganze Einkaufsboulevard zusammen und hielt bis zur Unterkunft durch, wo sie dann schluchzend in unserem Bett einschlief. Solche Ausraster kommen nun scheinbar häufiger vor. Ein paar Tage später -wieder war Schlaf Mangelware- drehte sie am Strand ab, als wir ihr verboten haben, die Tasche auszuräumen. Mit Liebe und Verständnis war ihr nicht beizukommen. Der Versuch, sie im Arm zu halten, ließ das Kind nur noch mehr eskalieren. Sie hat sich gewunden wie ein Wurm, sich in den Sand fallen lassen, bis ihr Gesicht von einer Panade aus Sand und Rotz bedeckt war. Zu Hause ging das Theater dann weiter, als ich sie versuchte zum Mittagsschlaf hin zu legen. Also dachte ich mir, gut du bist jetzt fast ein Jahr alt. Vielleicht musst du jetzt lernen selbst ein bisschen runter zu kommen. Ich sagte ihr noch kurz, dass ich nun das Zimmer verlassen werde und ganz in der Nähe bin. Nach einem kurzen Moment war sie eingeschlafen. Nach über zwei Stunden (!!!) war das Froillein wie ausgewechselt. Die zweite Urlaubswoche gestaltete sich dann tatsächlich entspannter. Ich glaube wirklich, dass es Eltern einfach mal bis „hier“ stehen muss, damit Kinder sich weiterentwickeln können. Es ist ja nun viel und in meinen Augen genug über die sogenannte Ferber-Methode geredet worden. Meistens eher schlecht geredet worden. Tatsächlich habe ich jedoch den Anschein, dass Eltern irgendwann von selbst „Ferbern“, auch wenn sie es gar nicht beabsichtigt haben. Ich habe mich viel mit meinem Bruder, der bereits drei Kinder hat, über Froilleins Schlafprobleme unterhalten. Er erzählte mir von seinem Ältesten, wie er als zehn Monate altes Baby die Angewohnheit hatte, Nachts um vier aufzustehen und mit seinen Eltern spielen wollte. Die beiden waren gerade Mitte zwanzig und noch im Uni-Stress. Sie hatten mit ihm schon einiges durchgemacht. Auch er war ein Schreikind und Schlafverweigerer. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit dem brüllenden Baby im Kinderwagen Spurrillen in die Feldwege gelatscht bin. Wir nannten ihn damals sogar, das Kind, das niemals lachte. Jedenfalls waren mein Bruder und seine Frau nach mehreren Wochen ohne ausreichend Schlaf derart fertig, dass sie eines Nachts einfach so tief geschlafen haben, dass sie meinen Neffen nicht gehört haben. Von da an wurde vieles leichter. Als er musste, hat er es geschafft sich selbst zu beruhigen und zurück in den Schlaf gefunden, den er ja eigentlich dringend brauchte.

Am vergangenen Freitag ist das kleene Froillein also ein Jahr alt geworden. Für mich war das wirklich ein sentimentales Ereignis. Und ich bin mir nicht sicher, ob das Jahr nun schnell oder langsam vergangen ist. Das erste halbe Jahr zog sich jedenfalls wie ein Backcamembert. Traurig bin ich darüber, dass ich das Gefühl habe, es hätte kaum schöne Momente gegeben. Gerade die ersten Wochen nach der Geburt gab es in meiner Wahrnehmung keine Situation, in der ich glücklich gewesen bin. Auch das Stillen habe ich nicht in positiver Erinnerung behalten. Mittlerweile kann ich mir wenigstens hin und wieder vorstellen, ein weiteres Kind zu bekommen. Für KiWu-Frauen ist das jedoch ein Thema, dass ebenfalls alte Wunden aufreißt. Also lassen wir es mit den Vorstellungen über der Zukunft und dem Hadern mit der Vergangenheit und widmen uns den aktuellen Themen: Die Fortschritte, die das kleine Menschlein in den letzten Wochen so gemacht hat. Laufen -und da bin ich ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht, kann sie noch nicht. Obwohl sie ja recht früh gekrabbelt ist und sich seitdem an Möbeln hoch zieht, scheint sie für die freie Vertikale noch nicht genug Stabilität zu besitzen. Da ihr das Sitzen auf dem Po überhaupt nicht zusagt und sie alles, wofür sie freie Hände braucht, auf den Knien hockend erledigt, wird der Rücken nicht gut gestärkt. Ich bin kein Orthopäde, aber wenn ich es selbst ausprobiere, dann brauch ich für das Sitzen auf dem Po mit geraden Rücken mehr Muskelkraft im Oberkörper. Dafür hat sie im „Urlaub“, als sie den steinigen, mediterranen Boden überwinden musste, den Bärengang entdeckt. Auf den Knien zu krabbeln war ihr wohl zu pieksig. Die Motorik scheint derzeit also ebenso wie die rechte untere Zahnleiste einen Gang zurück zu schalten. Wahrscheinlich braucht ihr Sprachzentrum derzeit alle neuronale Aufmerksamkeit, denn mittlerweile plappert das Kind wie ein Wasserfall. Es klingt zwar wie Klingonisch mit Heliumakzent, aber die Intonation -vor allem Befehle und Fragen- beherrscht sie außerordentlich gut.

Unser Weg zum Ziel

Auf Nachfrage einer Leserin (kueken0709), möchte ich hier kurz zusammenfassen, welche Maßnahmen uns weitergeholfen haben:

Struktur und regelmäßige Nickerchen

Eines unserer Hauptprobleme, als wir in die Tagesklinik kamen, war das ständige Schreien der Kleinen, was an Intensität zunahm, je weniger Schlaf sie tagsüber bekam. Der Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Unausgeglichenheit war also offenkundig. Allerdings war ich nicht in der Lage sie tagsüber zu regelmäßigen Zeiten hinzulegen. Zum einen war jeder Tag, immer in abhängig von der vorangegangen Nacht, anders strukturiert. Mal kamen wir schon gegen sieben aus den Federn, mal blieben wir liegen bis zehn. Zum anderen hatte ich absolut keinen Plan, wie ich das Kind vom Schlafen überzeugen sollte. Sobald ich sie hinlegte, schrie sie wie am Spieß. Noch mehr Geschrei konnte und wollte ich mir nicht zumuten und steckte sie letzten Endes ins Tragetuch und legte dann Kilometer um Kilometer in der Wohnung und näheren Umgebung zurück, in der Hoffnung ihr damit in den Schlaf zu helfen. Meist funktionierte das, jedoch blieb dadurch keine Sekunde Ruhe für mich übrig. In der Klinik ist der Tagesablauf fest vorgegeben. Jeden Morgen muss ich dort mit Kind und Kegel um kurz vor acht auf der Matte stehen. Am Vormittag lege ich sie das erste, gegen Mittag das zweite Mal hin. In den meisten Fällen funktioniert das Schlafen im Kinderbett ganz gut. Allerdings wäre es gelogen, würde ich behaupten, selig schließt sie ihre Äuglein, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und dann schlummert sie sanft hinweg. Im Gegenteil brauche ich häufig 10 bis 15 Minuten, in denen ich verschiedene Methoden anwende, sie zu beruhigen. Das können auch jeden Tag andere Tricks sein. Es gibt bei Kindern einfach kein  Patentrezept, das immer funktioniert. Dieses in den Schlaf bringen kostet mich etliche Nerven und stellt meine Geduld tagtäglich auf die Probe. Ich könnte an die Decke gehen, wenn dieses Kind trotz aller Bemühungen und offensichtlicher Übermüdung einfach nicht schlafen will (?) oder kann…? Das ist das nächste Problem, was ich in den vergangenen Wochen angegangen bin…diese ätzende, einen von innen aushöhlende Wut, die mich jedes Mal überkommt, wenn mein Kind wiedereinmal nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe, wenn ich wiedermal „versagt“ habe, weil ich es wiedermal nicht geschafft habe eine gute Mutter zu sein.

Den Teufelskreis durchbrechen

Die eigene Wut und Überforderung überträgt sich auf das Kind. Es wird verunsichert und reagiert mit Schreien und Schlafproblemen, denn Sprechen kann ein Säugling in der Regel noch nicht, was den Teufelskreis weiter anheizt. Um aussteigen zu können, musste ich erst einmal erkennen, wann bei mir das Fass kurz vorm Überlaufen ist. Das ist gar nicht so einfach, da man als Mutter doch schnell das Gefühl für seine eigenen Bedürfnisse verliert. Außerdem bedeutet es gleichzeitig, sich seine Unzulänglichkeiten einzugestehen. Ist es soweit, dann muss ich etwas anderes tun, als auf Biegen und Brechen versuchen, das Kind zu beruhigen. Denn damit erreiche ich eh nur das Gegenteil. In der Klinik kann ich die Kleine dann einem Betreuer zur Aufsicht in die Hand drücken und mich abreagieren gehen. Die Wut muss schließlich raus. Zu Hause ist es natürlich nicht möglich, sich für längere Zeit vom schreiende Kind zu entfernen. Dennoch ist es für alle Beteiligten das Beste, die Kleine für einen kurzen Zeitraum sicher abzulegen -auch wenn sie schreit- und dann im Nebenraum ins Kissen brüllen, die Matratze verprügeln oder einfach zum Lieblingslied abhotten. Im Idealfall gibt es auch daheim jemanden, der das Kind in der Zeit des kontrollierten Totalausfalls übernehmen kann.

Eigenen Bedürfnissen nachgehen

Auch wenn man als Mutter in den ersten Monaten mit Kind das Gefühl hat, die eigene Persönlichkeit wäre in Auflösung begriffen, ist es unabdingbar sich kleine Freiräume und Ruhepausen zu gönnen. Wenn der Nachtschlaf rar ist, MUSS man sich einfach tagsüber hinlegen. Was für manche selbstverständlich sein mag, muss ich mir hart erarbeiten, denn ich bin absolut kein Tagschläfer. Tatsächlich ist es einfach eine Frage des Trainings und natürlich der Übermüdung, ob man am Tage schlafen kann. Ideal ist es natürlich, sich hinzulegen, sobald das Kind schläft. Mir war das lange Zeit gar nicht möglich, da meine Tochter schließlich nur tragend oder fahrend ihr Schläfchen machte. Auch deshalb ist es für mich ein riesen Fortschritt das Kind im eigenen Bett schlafen zu sehen. Mittlerweile sind unsere Stillabstände soweit eingependelt, dass es möglich ist, die Kleine für ein bis zwei Stunden den Großeltern zu überlassen. Solche babyfreien Zeiten sind wirklich wichtig um wieder Kraft zu tanken und wären mir auch das Geld für einen Babysitter wert.

In Anbetracht der Tatsache, dass meine Tochter und ich uns erst seit ein paar Monaten kennen, sind wir auf einem guten Weg 😉

Neunzehn Wochen

Neunzehn Wochen mit Baby vorm statt im Bauch sind nun vorüber. Der gruselige Wachstumsschub um die 19. Lebenswoche herum hat uns die vergangenen Tage ganz schön gebeutelt. Es gab dann wieder Nächte in denen Mamas Brust jede Stunde Programm war. Tagsüber ließ sie sich nur schwer hinlegen und hat sich beim übermüden Hin- und Herwerfen im Bett schön in Rage geschrien. Das problematische an solchen Phasen ist nicht deren Auftreten, sondern die Ungewissheit ihrer Dauer. Würde mir also jemand sagen:  „Hey Kopf hoch, in drei Tagen ist es vorbei.“ Dann würde ich mich mit einem guten Buch und einer schönen Tasse Tee neben mein eskaliertes Kind setzen, ihm den Kopf tätscheln und gut zureden. Auch die haarscharf umrissenen Zeitangaben über Wachstumsschübe in diverser Elternliteratur ist keine beträchtliche Hilfe. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Schub wohl in der 19. Lebenswoche, er kann jedoch bereits in der 14. beginnen und sechs Wochen andauern. spätestens in der 24. Woche muss er wohl beendet sein, denn dann beginnt schon der nächste. Auch nicht gerade tröstlich. Aller Tränen und Schreiattacken zum Trotz, hat mein Kind die vergangene Woche wohl nicht nur zum Wachsen genutzt. Seit ein paar Tagen beherrscht sie nämlich die Rücken-zu-Bauch-Rolle. Da schwillt die stolze Mutterbrust zu unendlicher Größe.

Am Donnerstag gab es die dritte, langersehnte Impfung für das kleene Froillein. Langersehnt deshalb, weil ihre einzige Impfreaktion bisher darin bestanden hat, mindestens zwei Nächte am Stück durchzuschlafen. Darauf hatte ich mich seit Wochen gefreut. Doch, wie es einen oft mit Kindern zu ergehen scheint, wurde ich eines besseren belehrt. Zum Durchschlafen hat es diesmal nicht gereicht. Dafür war sie ein wenig nörgelig und heute roch ihr Stuhl tatsächlich einmal nach Fisch. Ob das nun mit der Impfung zusammenhängt, ist unklar. Das Web spuckt zu diesem Phänomen auch nur wenige Erkenntnisse aus.

Da Madame zunehmend Interesse an festen Nahrungsmitteln zeigt, habe ich ihr vergangenes Wochenende ein paar Löffelchen Gläschenmöhren angeboten. Und in der Tat hat sie sich bereitwillig füttern lassen. Nun ist sie jedoch gerade einmal vier Monate alt geworden und ich bin noch unsicher, ob ich tatsächlich schon mit Beikost beginnen soll. Die WHO empfiehlt schließlich bis zum 6. Lebensmonat voll zu stillen. Eine Studie, die neulich mal im Spiegel durch die Presse gewalzt wurde, brachte jedoch angeblich hervor, dass es bezüglich Allergierisiken keinen großen Unterschied machen soll, ob und wie lange voll gestillt wird. Der neueste Schrei zum Thema „Beikost“ scheint übrigens Baby-led weaning (BLW) zu sein. Dabei wird es dem Baby überlassen, wann es mit fester Nahrung beginnen möchte und wieviel es davon zu sich nehmen mag. Praktisch kann man sich das so vorstellen, dass das Kind also mit am Tisch sitzt und nach gekochten Zeugs wie Karotten oder Kartoffeln greift und daran zu lutschen beginnt. Da in diesem Falle das meiste der Nahrung wohl unterm Tisch, statt im Kind landen wird, empfiehlt es sich vermutlich nebenher weiterhin voll zu stillen. In Zeiten, in denen es weder Karies noch inflationären Salzkonsum gab, hat Mama das Essen einfach vorgekaut und es dem Kleinen Mund-zu-Mund verabreicht. Wer blutdruckfreundlich kocht und keine Löcher in den Zähnen hat, kann es ja mal ausprobieren und mir dann von den Reaktionen seiner Mitmenschen berichten.

Am Ende der Kraft ist immer noch soviel Tag übrig

Lange habe ich mich nicht mehr gemeldet. Das hatte seine Gründe. Wir befinden uns mittlerweile „in treatment“. Ja, wir haben uns nach endlosen Gesprächen mit einer Psychologin, vielen guten und leider noch mehr schlechten Tagen und Nächten dazu entschlossen, es richtig anzugehen. Meine Tochter und ich gehen nun von Montag bis Freitag in eine Tagesklinik für beknackte Mütter. Seit anderthalb Wochen stehen wir nun jeden Tag zur selben Zeit auf. Zwischen den gemeinschaftlichen Mahlzeiten, die dem Tag Struktur geben sollen, legen alle ihre Kinder zum Schlafen hin. Wann und für wie lange geschlafen wird, entscheidet jedes Eltern für sich und das Kind. Ich spreche von Eltern, da es auch Vätern möglich ist, das Angebot der Tagesklinik zu nutzen. Daneben werden etliche Therapieformen angeboten, die sich jeder selbst zusammenstellen kann. Nur die Gespräche mit den Psychotherapeuten sind mehr oder weniger verpflichtend und werden nach Bedarf angepasst. Ab und an besteht die Möglichkeit, die Kinder von den Betreuern bespaßen zu lassen, um sich im Mehrzweckraum die Wut aus dem Bauch zu brüllen, eine Runde durch den Park zu joggen oder einfach mal gemütlich aufs Klo zu gehen.

Nun lege ich die Kleene also vormittags und Mittags in der Einrichtung hin, nachmittags schläft sie dann im Tragetuch oder Wagen während der Hunderunde. Obwohl wir noch Schwierigkeiten mit der Lautstärke der Mitpatientenkinder haben, klappt das Hinlegen über den Tag erstaunlich gut und ich frage mich, warum wir uns zu Hause bis dato so abgemüht haben. Ich glaube, das Geheimnis liegt zum Teil in der Gruppendynamik. Dadurch, dass alle ihre Kinder Schlafen legen, fällt es mir persönlich leichter wirklich konsequent durchzuhalten, bis die kleine Krähe allem Gezeter zum Trotz eingeschlafen ist. Tröstlich ist außerdem, zu sehen, dass andere junge Familien mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

Nun müssen wir nur noch an unserem Miteinander arbeiten, denn ohne Frage sind Kinder der Spiegel ihrer Eltern und auch wenn ich lieber meinen Lakritzkonsum während der Schwangerschaft dafür verantwortlich machen würde, muss ich doch zugeben, dass ich eine absolut unentspannte Mutter bin. Und ohne professionelle Hilfe kommen wir aus unserer Anspannungs-Spirale einfach nicht raus.

 

 

Wutbeulen

Vergangene Woche haben wir uns das erste Mal auf eine kleine Reise mit Kind begeben. Drei bis vier Stunden Autofahrt gen Norden zu der Mutter meines Mannes. Obwohl es in für uns gewohnte Gefilde gehen sollte, hat es mir mächtig vor den Tagen gegraut. Kurz zuvor hat es sich mein Kind nämlich abgewöhnt Nachts ihre fünf bis acht Stunden durchzuschlafen. Stattdessen wachte sie nun wieder zwischen null und eins und gegen drei Uhr morgens auf. Wenn man die allwissende Madame Google zu solchen Schlafphänomenen kleiner Kinder befragt, spuckt sie allerhand Erfahrungsberichte aus, aus denen hervorgeht, dass es wohl ab den vierten Monat mit Durchschlafen vorbei sein kann, selbst wenn das Kind Zeit seiner Geburt geschlafen hat wie ein Murmeltier. Im vierten Monat machen die Kleinen nämlichen einen gewaltigen Entwicklungssprung: Greifen, Drehen, Krabbeln, Brabbeln, Gucken sind alles Dinge die zwar noch lange nicht einwandfrei in ihrer Ausübung funktionieren, aber von nun an jeden Tag geübt werden. Und tatsächlich mussten die unruhigen Nächte auf diese Metamorphose zurückzuführen sein. Unser Gremmlin nimmt seit einigen Wochen den Klimbim, der am Spielbogen baumelt ordentlich in die Mangel. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass, je hässlicher das Spielzeug in den unwissenden Augen Erwachsener erscheint, desto beliebter ist es bei der Schnucke. Die in dezenten Creme- und Pastelltönen gehaltenen Bärchen und Bällchen, die eigentlich zu diesem „Activity-Center“ gehören, werden eiskalt ignoriert, während so ein klobiger rot-blau-gelber Klimperelefant mit tumorös erweiterter Schwanzspitze zu den Lieblingsobjekten gehört. Ästheten sind Babys wahrlich nicht. Außer dem gezielten Greifen, versucht sie sich in ihrem Babykäfig eifrig zu drehen. Vom Bauch auf den Rücken mag ihr das auch schon hin und wieder gelingen. Dabei guckt sie immer total überrascht. Viel besser klappen die Bewegungsabläufe übrigens, wenn sie komplett windelfrei rumliegt. Da wir mit Stoff wickeln hat sie vorallem mit Wollüberhose einen riesigen Windelpo, der sie in Bauchlage regelrecht aufbockt. Wenn sie kräftiger ist, wird sie auch dieses Hindernis sicher gut überwinden können. Momentan macht ihr das pofreie Liegen jedoch mehr Spaß. Ihre Interaktionsfähigkeit hat in den vergangenen Wochen auch mächtig zugelegt. Wir führen nun auf der Wickelkommode kleine Dialoge. Am meisten steht sie drauf, wenn ich Klingonisch mit ihr spreche. Da quiekt sie regelrecht vor Freude. Wer den Newsletter des Babycenters abonniert hat, der sollte den nicht unbedingt ungelesen in den virtuellen Mülleimer befördern. Dort gibt es nämlich jede Woche Tipps, welche Spiele sich gerade für die Kleinen eignen. Wer von Newslettern verschont bleibt, der kann sich auch direkt Anregungen holen: Babycenter, Wir spielen!

Wenn ich mir also vorstelle, was das kleine Froillein so alles in kürzester Zeit lernt, kann ich verstehen, wenn sie des Nachts nicht zur Ruhe kommt. Während unseres Kurztripps hat sich das Schlafverhalten jedoch wieder ganz gut eingependelt. In Anbetracht der unzähligen neuen Eindrücke, ist es wirklich Erstaunlich, wie gut sie das alles weggesteckt hat. An einem Tag sind wir mit ihr in die Therme nach Soltau gefahren. Die Bedingungen schienen mir ideal. Die Kleine liebt Baden, ist nun schon über drei Monate alt und die Wassertemperatur dort liegt bei 35°C. Und ich glaube, sie hat es wirklich genossen. Wir waren mit ihr zwei mal für je 10 Minuten im Wasser. Zwischendurch hat sie ein ordentliches Nickerchen gemacht. Insgesamt hat sie fast drei Stunden am Stück nicht gebrüllt. Ein Traum!

Der darauffolgende Tag war allerdings weniger Traumhaft. Noch vorm Frühstück war Madame übelster Laune und hat trotz des Einsatzes der Oma Zeter und Mordio geschrien. Um wenigstens in Ruhe meinen Kaffee (natürlich ohne Koffein) trinken zu können, habe ich sie gleich wieder angelegt. Trotz Brust im Mund – und das bedeutet nichts Gutes -ging das Gebrüll weiter. Also habe ich ihr die Windel ausgezogen, weil mir das Szenario schon bekannt vorkam. Das letzte Mal, als sie so untröstlich geweint hat, hatte sie sich nämlich den Bauchnabel rausgedrückt, was natürlich alles nur noch schlimmer machte. Diesmal hatte sich auf der rechten Seiten ihres Schamhügels ein ungefähr dattelgroßer Knubbel gebildet. Also wieder ein Bruch, diesmal in der Leiste. Nachdem ich sie hoch genommen habe, ist der Bruch wieder zurückgerutscht und sie hörte mit Weinen auf. Trotzdem sind wir noch am Vormittag mit ihr in die Klinik, da wir vor hatten am selben Tag noch nach Hause zu fahren und sie während der Autofahrt im MaxiCosi häufig sehr unzufrieden ist. Die Ärztin konnte natürlich nicht viel machen. Sie meinte nur, sollte das häufiger vorkommen, müsste der Bruch operativ geschlossen werden. Ansonsten sei es relativ unproblematisch, solange sich die Beule von selbst zurückzieht. Sollte das nicht der Fall sein, hätten wir immerhin drei Stunden Zeit mit unserer Wutbeule ins Krankenhaus zu fahren, bevor eine Darmschlinge, die unter Umständen in so einem Bruch abgeklemmt wird, schweren Schaden nimmt. Das war dann für mich doch so halbwegs tröstlich und wir konnten die Heimreise antreten.

Bis jetzt hat sich nichts wieder ausgestülpt, obwohl Prinzessin von der Beule schon wieder so einige, heftige Schreiattacken hatte. Hoffen wir, dass es so bleibt oder noch besser, die Wut weniger wird und einfach keine Beulen mehr schlägt.

Der ganz normale Wahnsinn

„allerdings waren meine Gedanken zu diesem Zeitpunkt bei weitem nicht so geordnet wie deine. Hut ab! Das Tagebuch und die Art wie ihr mit der Situation umgeht finde ich klasse!“

Liebe Nadja, dass meine Gedanken so geordnet erscheinen, kommt nicht von ungefähr. Wir ich bereits erwähnt hatte, haben wir uns auf Empfehlung meiner Hebamme an das Zentrum für frühe Interaktionsstörungen gewandt. Diese Einrichtung ermöglicht Müttern, sich mit ihren Kindern in einer Tagesklinik betreuen zu lassen, sofern eine Interaktionsstörung vorliegt. Bei uns war das jedoch so eindeutig nicht der Fall. Wir haben nun schon einige Gesprächstermine mit einer Psychologin hinter uns und sind zu dem Schluss gelangt, dass ich wohl einfach mit dem Schlafentzug und der Anpassung an einen Mutti-Tagesablauf Schwierigkeiten habe. Eine gestörte Bindung zu meiner Tochter liegt jedoch nicht vor. Bestärkt wurde unser „Fazit“ durch ein Gespräch mit einer Psychiaterin. Diese, selbst Mutter, kennt den ganz normalen Wahnsinn, den eine Frau beim ersten Kind durchlebt. Ich habe ihr geschildert, wie es mir so geht und mit welchen Gedanken und Gefühlen ich mich so konfrontiert sehe. Sie hörte sich das alles an und meinte schließlich, aber das ist doch ganz normal!

Es ist schon erstaunlich, wie ein Kind das Leben von heute auf morgen umkrempelt. Dabei habe ich doch gedacht, mir bzw. uns würde es am allerwenigsten schwer fallen, uns auf ein Leben mit Kind einzustellen. Wir gehen selten abends aus, Treffen mit Freunden finden in einem familiären Rahmen statt, unsere Hobbys und Freizeitaktivitäten schienen mir ebenfalls kinderfreundlich zu sein. Und dann ist das Kleine auf der Welt und plötzlich muss ich feststellen, dass ich selbst zu meinem Langweilerdasein nicht mehr komme. Das Kind schreit natürlich genau dann, wenn etwas interessanten in der Glotze läuft. Es kotzt in dem Moment, wenn man mal kein Spucktuch über der Schulter trägt. Es wird urplötzlich wach, wenn man mit seinem Partner „kuscheln“ will. Meine Hände sind von nun an dazu da, das Kind zu halten, zu streicheln, zu trösten, anstatt Staub zu wischen oder was Kleines zu nähen. Meine Brüste sind keine erogene Zone mehr -sofern sie das je waren, sondern die Nahrungsquelle meiner Tochter. Statt Rockhymnen auf der Gitarre zu schmettern, singt meine Stimme leise Lieder zur Nacht und formt Brabbellaute um die Kleine bei Laune zu halten. Ganz klar, an so eine Umstellung muss sich wohl jede(r) erst einmal gewöhnen. Die Eine ist darin schneller, die andere, so wie ich, tut sich an manchen Tagen damit schwerer. Und letztlich haben wir ja auch viel Zeit uns aufeinander einzustellen.

Zum Thema schlaflose Nächte, kann ich mich heute nur lobend über unsere Kronprinzessin äußern. Diese Nacht hat sie zum ersten mal von 22Uhr bis 6Uhr morgens geschlafen. Acht Stunden dürften ja dann als durchgeschlafen gelten! Nun bin ich mir allerdings nicht sicher, ob ihr Schlafverhalten eine Folge der gestrigen Sechsfach-Impfung oder schon ein erster Schritt weg von den „dummen 3 Monaten“ ist. Sollte es nur eine Impfreaktion sein, nehme ich sie gerne, statt des angedrohten Fiebers und der Unruhe. Tatsächlich sind die vergangenen Tage wirklich sehr ruhig und angenehm verlaufen, nachdem die Hübsche vor etwa zwei Wochen begann, uns wieder mit viel Geschrei und lebhaften Nächten zu quälen. Zu der Zeit hatten wir Besuch und waren viel unterwegs, was die Kleine total aufgerieben hat. Nach ein paar Tagen war der Besuch von Dannen gezogen, aber das schreiende Kind und ein fetter Milchstau blieben. Bis dahin schlief die kleine Madame übrigens immernoch in meinem Bett. Nach einer Nacht mit einer Pobacke auf 10 cm Matratze und der anderen auf dem Holz, habe ich sie dann einfach in ihr eigenes Bett gelegt. Und seit dem sind wir beide viel zufriedener. Sie kann sich jetzt des Nachts austoben, ohne mich ständig anzustupsen. Wenn sie grunzt wie ein kleines Schweinchen, mach ich mir einfach Ohropax rein.

Manchmal,aber nur manchmal kann es so einfach sein 🙂

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