Frauenbauch

femi-biotische Themen querbeet

Archiv für die Kategorie “Kita-Zeit”

Back in the Business

Seit 1. August habe ich zwei Jobs. Ich bin Vollzeit Mutter und den übrigen Tag gehe ich acht (ein halb) Stunden arbeiten. Die ersten Wochen waren, trotz Unterstützung durch die Schwiegermutter, hart. Mittlerweile hat sich mein Mann weitestgehend an die Situation gewöhnt. Für ihn war die Umstellung am schwersten. Auf einmal musste er das Kind morgens anziehen. Wirklich eine Herausforderung. Aber man wächst ja bekanntlich damit.

Die Arbeit macht mir wirklich großen Spaß. Meistens jedenfalls. Obwohl ich nach meiner furchtbaren Arbeitserfahrung als Hebammenschülerin im Kreißsaal niemals mehr damit gerechnet hätte, mich auf einen Arbeitstag zu freuen. Wahrscheinlich macht es tatsächlich einen Unterschied, ob einem tagtäglich gesagt wird, wie dämlich man sich anstellt oder ob einem ein gewisses Vertrauen entgegen gebracht wird.

Was mich tatsächlich richtig anstrengt, ist das nach Hause kommen. Dort wartet dann ein nicht abgeräumter Frühstückstisch auf mich, die Dreckwäsche, das schmutzige Geschirr, der durchweichte Biomüll, der Hund und nicht zuletzt das Kind, was 100 Prozent meiner Aufmerksamkeit einfordert. Und wehe, die bekommt sie nicht.  Dann ist eine Eskalation vorprogrammiert. Zur Zeit verbringt sie wieder mehr Zeit damit, sich schreiend auf den Boden zu winden, als spielend mit Büchern und Bauklötzen. Nichts hilft in solchen Momenten. Meine Zuneigung á la „die haltende Umarmung“ lässt sie nur noch mehr ausrasten. Gehe ich aus dem Zimmer raus, dann wird sie richtig wütend und verzweifelt, schlägt ihren Kopf auf den Boden. Ich kann eigentlich nur still daneben sitzen. Wenn dann noch mein Mann dazu kommt und mich anmault, was ich denn mit dem Kind veranstalte, dann frage ich mich, ob Mütter eigentlich auch Zigaretten holen gehen dürfen.

Jedenfalls verstehe ich meine Mutter mittlerweile sehr gut, dass sie während meiner Kindheit so viele Dienstreise gemacht hat. Vielleicht sollte ich mal beim Chef anfragen, ob es nicht irgendwo ganz weit weg was zu tun für mich gibt.

Im Übrigen hätte ich nicht gedacht, wie viel Erstaunen, ja beinahe Entsetzen, die Vorstellung bei anderen auslöst, mit Kind Vollzeit arbeiten zu gehen. Ich scheine hier im südwestdeutschen Niemandsland eine wahre Exotin mit meinem „Lebensmodell“ zu sein. Damit möchte ich nicht behaupten, dass es bei uns funktioniert. Wie im Text heraus zu lesen ist, scheint es nicht perfekt zu laufen. Das Problem sehe ich jedoch dabei nicht im Aufwand, dem Vollzeitjob nachzugehen, sondern einfach im Unwillen meines Partners 50% meiner alten Aufgaben zu übernehmen. Ich kann es also jeder Frau nur nahe legen, es zumindest mal  mit der 100% Stelle zu versuchen. Kündigen bzw. reduzieren kann man schließlich jederzeit. Das höhere Gehalt, die besseren Zukunftsaussichten und Rentenbeträge sind es m.E. wert. Und vielleicht habt ihr ja sogar einen Mann an eurer Seite, für den Gleichberechtigung nicht dabei aufhört, sich an den Wohnkosten zu beteiligen.

Advertisements

Das Geld zum Fenster

Bevor ich in meinem Vollzeitjob versumpfe, versuche ich zu Hause noch einmal klar Schiff zu machen. Da hab ich mir für die letzten zwei Wochen Hausfrauenzeit so einiges vorgenommen. Obwohl ich dieses Jahr bereits zwei (!!!) Mal Fenster geputzt habe, müsste ich es eigentlich schon wieder tun. Denn so wie es sich für Hausfrauenarbeiten gehört, wird auch diese von meinen beiden menschlichen Mitbewohnern korrumpiert. Statt über Streifenfreiheit und kristallklare Sicht zu staunen, hebt mein Mann das kleene Froillein ans frisch geputzte Fenster und lässt sie mit ihren speichelfeuchten Händen die Scheiben zu schmieren. An den Balkontüren braucht sie den Papalift nicht, da kann sie auch vom Boden aus Scheibenknutscher spielen. Sehen die Fenster dann aus, als hätten die Stubenfliegen eine wilde Orgie darauf gefeiert, interessiert dann plötzlich niemanden mehr die Fernsicht. Außer vielleicht das in die Jahre gekommene Nachbarsvolk, was ja eh nix anderes zu tun  hat, als den jungen Frauen Schlamperei vorzuwerfen. Also widme ich mich lieber dem Verstauen und Archivieren nicht mehr genutzter Sachen, allen voran Dinge, die sich während Froilleins Babyzeit angesammelt haben. Dabei fiel mir auf, wie hoch der Anteil an sinnlosen Investionen ist, die ich im vergangenen Jahr getätigt habe. Es ist also an der Zeit sich kurz zurück zu entsinnen, um andere werdende und frisch gebackene Mütter vor derlei Geldvernichtung zu warnen.

Auf Platz eins der verschwendeten Moneten und Hoffnung steht eindeutig die Babyhängematte. In der Hoffnung das Kind möge darin seinen Schlaf finden von einem anderen Elternpaar erstanden,  wurde sie von unserer Tochter alsbald mit vehementen Geschrei als mangelhaft befunden. Tatsächlich hätte man ein Kind wie unseres darin niemals unbeaufsichtigt lassen können. Bereits mit wenigen Wochen hätte sie sich damit überschlagen. Außerdem eignet sich solch eine Hängematte wirklich nur für sehr warme Gefilde. Gut, die letzten Wochen hätte man sie tatsächlich gut einsetzen können. In jedem anderen deutschen Sommer, würden die Kleinen in dem Ding jedoch zu schnell auskühlen.

Dann habe ich die Schnullersammlung weggepackt. Mindestens zehn Stück umfasste sie zuletzt. Kein einziger davon, ob mit oder Silikon, zahnfreundlich, öko oder nicht, konnte unserem Kind genügen. Nur Mamas Nippel gelang es, ihr den Mund zu stopfen. Die Schnullerfee konnten wir jedoch getrost vor der Türe stehen lassen. Wer nie abhängig war, braucht auch keine Entziehung.

Aus der Heilwolle wollte ich schon längst irgendwelche Filzmännchen gebastelt haben, bevor die Motten rein gehen. Die hat uns nämlich nie sonderlich viel genützt. Vielleicht hätte sie vorbeugend gute Dienste getan, wer weiß. War das Kind jedoch erst einmal in den Brunnen gefallen und der Po puderrot und pustelig, half nur noch föhnen, warten, Linola und Bebanthen. Ich mochte die Heilwolle nie besonders, weil sie überall in der Rosette wie bleiches A***haar hing und….ach lassen wir das…ich mag sie einfach nicht. Nur zum basteln.

Der Lauflernwagen kann eigentlich auch in die Garage. Damit laufen gelernt hat das Froillein jedenfalls nicht. Stattdessen ist sie damit mehrmals umgekippt und hat ihn als Toilette benutzt. Vielleicht kommt sie später noch auf den Geschmack eine Puppenmutti sein zu wollen und schiebt damit meine Platikenkel rum. Bisher geht sein Nutzen jedoch gen null.

Ein ebenso unbeliebtes Spielzeug ist die Schaukel-Biene. Sie war ein lieb gemeintes Geschenk unserer Nachbarn. Jetzt wo dieses platzraubende Monstrum auf dem Schrank steht, zweifle ich daran, ob es wirklich lieb gemeint war…Das Froillein hat sich gerne darauf gesetzt. Statt zu wippen, nahm sie jedoch die Fühler der Riesen-Maja in den Mund und ketschte den Speichel zahlloser Nachbarkind-Generationen aus den Knubbeln heraus.

Kinderstühle haben wir nun bereits vier gekauft. Noch in der Schwangerschaft, als wir ahnungslos kindlicher Bedürfnisse gegenüber waren, erstanden wir einen ranzigen Stokke-Verschnitt, der nun als der Weisheit letzter Stuhl dient. Wenn ein Baby jedoch noch nicht sitzen kann, Mama sich aber gerne wieder ein Brötchen zum Frühstück schmieren möchte, braucht man etwas mit verstellbarer Rückenlehne. Für diesen Zweck kauften wir erst eine Babywippe und später den Polly Magic. In der Babywippe liegt nun der Kater meiner Eltern. Der Polly Magic musste aus Platz- und Saubermachgründen einem IKEA-Stuhl weichen. Der hätte es eigentlich auch noch eine Weile getan, wenn sich das Froillein daran nicht wie verrückt geraupt hätte (Siehe Eintrag „Die Raupe“).

Aus meinem kranken Ehrgeiz heraus, das Kind mit 12 Monaten trocken zu legen, kaufte ich einst einen Plätscher-Topf zur Konditionierung. Nachdem das Froillein ihm jedoch durch Fußtritte in seine Hartplastikteile den Gar ausgemacht hat, war kein Geplätscher mehr zu hören und das Ding ging zurück ins Versandhaus. Nun macht sie ihr Geschäft am Morgen in einen weniger intelligenten Topf, dessen Erfinder jedoch schlau genug war, sich auch um die tropffreie Entleerung Gedanken zu machen.

to be continued…

 

Wenn Mutti früh zur Arbeit geht

Mein Bewerbungsmarathon ist vorerst beendet. Ich habe nun eine Jobzusage. Anfang August geht es los. Dann werde ich als Pharmareferentin tätig sein und euch hier im Blog von den Präparaten meiner Firma versuchen zu überzeugen. Dafür gibt es dann Extra-Prämien für mich. Nein Quatsch. Natürlich nicht. Wahrscheinlich werde ich überhaupt nicht mehr zum Schreiben kommen. Um meine Chancen auf eine Stelle zu erhöhen habe ich mich nämlich maximal verfügbar gegeben. Für mich als Super-Mami kommen geht unter 40-Stunden gar nichts. Kita-Schließzeiten gibt es nicht und das Kind wird natürlich nicht krank. Es hat ja schließlich meine Gene und ich werde ja auch nicht krank. Alles funktioniert und wenn das noch nicht genug ist, dann werden halt die Großeltern eingeflogen. Alles kein Problem.

Also nun mal im Ernst. Ich habe seit Abschluss meines Studiums 24 Bewerbungen geschrieben. Das ist wahrlich nicht viel, wenn man bedenkt, dass Freunde von mir mit ähnlicher Ausbildung um die 80 Bettelbriefe verfassen mussten, um eine Zusage zu erhaschen. Insgesamt hatte ich fünf Telefoninterviews, sieben persönliche Gespräche und am Schluss zwei Zusagen. Wobei es ich für meinen neuen Job allein drei Vorstellungsgespräche und zwei Telefoninterviews hatte. In der nun rückblickend kurzen Bewerbungsphase habe ich nicht wenig Kurioses erlebt. Kaum an Peinlichkeit zu übertreffen war mein Gespräch am ZBSA hier in Freiburg. Die Stellenausschreibung versprach eine umfangreiche Einarbeitung und nur wenig Vorerfahrung auf dem Gebiet. Nur deshalb hatte ich mich beworben und war zu meinem Erstaunen auch tatsächlich eingeladen worden. Obwohl ich meine Unterlagen sogar als Papier zum Anfassen eingereicht hatte, schien sich niemand die Mühe gemacht zu haben einen Blick auf meinen Lebenslauf zu werfen. Keiner hatte die Vorlage dabei und es wurde ins Blaue hinein gefragt. Als ich dann meinte, dass ich nur hier und da mal ein wenig Erfahrung in den gefragten Techniken gesammelt hätte, schien man sich zu wundern und das enttäuschte Gesicht der Arbeitsgruppenleiterin wurde immer länger. Den weiteren Verlauf möchte ich kurz als Dialog wiedergeben:

Mann aus der Verwaltung: „Sie wissen aber schon, dass es sich nur um eine 50 % Stelle handelt…?“

Ich: „Ja, (das habe ich gelesen). Ist doch super, dann fällt es mir leichter meinen Alltag mit Kind usw. zu organisieren und erst mal ins Arbeitsleben rein zu kommen.“

Mann aus der Verwaltung: „Und wer sagt uns, dass Sie sich nach vier Monaten nicht wieder weg bewerben?“

Ich: „(Es handelt sich doch eh um eine Elternzeitvertretung befristet auf 3 Monate mit Verlängerung bis zu einem Jahr?) Nun, ich kann mir kaum vorstellen, dass bis dahin die Einarbeitung schon abgeschlossen ist. Ich möchte die Zeit hier bei Ihnen intensiv nutzen, um zu lernen und weitere Erfahrungen auf dem Gebiet machen um meine Jobchancen zu verbessern.

AG-Leiterin: „Ach wissen Sie, nach zwei Wochen haben Sie die Techniken drauf. Sie werden eh immer nur das selbe machen.“ Dann endlich ein Einwurf von der Frauenbeauftragten, die mich danach fragt, wie ich von Hamburg nach Freiburg kam. Die Einzige an diesem Tag, die Interesse an meiner Person hat.

AG-Leiterin: „Haben Sie nun noch irgendwelche Fragen?“

Ich: „Ja, ich würde mir gerne die Räumlichkeiten mal ansehen. Sie arbeiten im Labor ja mit verschiedenen Techniken. Das möchte ich mir gerne anschauen.

AG-Leiterin: „Ach ja, genau, das Labor…das wollten wir Ihnen noch zeigen…“ Auf dem Weg zum Labor:

AG-Leiterin: „Sie müssen wissen, es ist da unten sehr laut….wirklich sehr unangenehm….durch die vielen Geräte. Sie könne gerne Gehörschutz bekommen.“ Im Labor:

AG-Leiterin: „Das ist eine Clean-Bench…“ (Ah, ist nicht wahr?! Eine CLEAN-BENCH! Wat es nich allet jibt!) „Da kommt ein Luftstrom raus…das ist sehr unangenehm…wirklich sehr unangenehm…aber man gewöhnt sich dran.“

So langsam fällt mir nichts mehr ein. Mir wird noch der PC-Raum gezeigt. Dann verabschiedet sich die AG-Leiterin mit den Worten: „Wir melden uns diese Woche….vielleicht…“ Und ich bin beruhigt, dass ich dort zum Glück nicht arbeiten muss. Ärgere mich allerdings über die 2,50€ Parkgebühren und die Arbeit, die ich mir in Vorbereitung auf das Gespräch gemacht habe. Keiner wollte irgendwas von mir wissen. Am Schluss habe ich mich nur blamiert, als ich versucht habe auf Informationen einzugehen, die auf der Website der Einrichtung angepriesen werden, aber offenbar nicht stimmen. Tatsächlich kam erst sechs Wochen später eine Absage.

Zum Glück müssen nicht alle Vorstellungsgespräche so würdelos verlaufen. Wenn im Gespräch bereits Zweifel aufkommen und man das Gefühl hat, man würde den Tag lieber allein in einer Höhle verbringen als mit diesen Menschen in einem Raum, dann ist es für alle Beteiligten das Beste, die Zusage trifft einen anderen.

Wie ich bereits oben erwähnt habe, bekam ich ja urplötzlich zwei Zusagen, allerdings im Abstand von ca. anderthalb Wochen. Ende Juni bewarb ich mich bei einem Elektro-Versandhandel als technische Redakteurin. Schnell wurde ich zum Gespräch mit anschließenden Probearbeiten eingeladen. Im Gespräch wurde u.a. folgendes vom Personaler erzählt:

„Also Ihre Gehaltsvorstellungen von 32 000€….das können wir Ihnen nicht zahlen. Bei uns bekommen Sie für Vollzeit 26 000€…da haben Sie also je nach Steuerklasse so um die 2000€ raus im Monat. Dann gibt es bei uns noch Weihnachtsgeld. Der Vertrag ist außerdem für ein Jahr befristet. Die Stelle ist unbefristet, es handelt sich also nicht um eine Elternzeitvertretung, aber der Vertrag ist es. Wir nutzen da halt alle Möglichkeiten, die uns der Gesetzgeber da einräumt. Das heißt auch, dass Ihr Vertrag nach einem Jahr noch mal um ein weiteres Jahr befristet verlängert wird.“

Sehr schön. Ich liebe es ja, wenn Menschen ehrlich sind. Was er allerdings unterschlagen hat, war, was nach den zwei Jahren mit mir passieren würde. Denn da müssten Sie mich ja unbefristet einstellen. Aber ich ahne es….Trotz der grottigen Konditionen absolvierte ich die drei Stunden Probearbeiten. Das Team war zum Glück sehr nett und ich fühlte mich wohl, weshalb ich es mir notfalls hätte vorstellen können, dort anzufangen. Es war Freitag und ich wurde mit den Worten nach Hause entlassen, dass man sich zu Beginn der kommenden Woche mit einer Entscheidung melden würde. Die Woche verging ohne eine Nachricht. Ich war verärgert, weil ich das Gefühl hatte, die Firma liese den Job durch kostenlose Probearbeiter erledigen. Am Dienstag Abend fischte ich dann einen Umschlag aus meinen Briefkasten. Er enthielt einen Arbeitsvertrag, geschrieben am 3.7., mit Poststempel vom 6.7., postalisch und unterschrieben abzugeben am 8.7. Anfangen sollte ich am 13.7. Kaum hatte ich die ersten Vertragsklauseln gelesen, war mir klar, weshalb hier von Seiten der Firma so ein Druck gemacht wurde. Das Gehalt lag deutlich unter dem mir genannten. Nämlich bei 2100€ Brutto. Von Weihnachtsgeld war nicht die Rede, stattdessen fiel häufiger das Wort Vertragsstrafen und Schadensersatz. Am meisten musste ich über die Passage lachen, dass man Fortbildungsmaßnahmen im Falle einer Kündigung durch den ArbeitGEBER zurückzahlen muss. Ach ja, und über das Gehalt sprechen darf man auch nicht. Das finde ich besonders paradox, da ja der Bewerber in beinahe jeder Stellenausschreibung seine Gehaltsvorstellungen formulieren soll. Spricht jedoch keiner über sein Gehalt, kann der Bewerber nur seine realitätsfernen Wünsche äußern. Ich hätte gerne eine Million Dollar!

Ich habe den Vertrag also nicht unterschrieben. Durch die Vertragsstrafe, die ich bei Nichtantritt der Arbeit oder nicht Einhalten der Kündigungsfrist hätte zahlen müssen, wäre ich einfach nicht dazu gekommen, mich für andere Jobs zu bewerben. Nach ein paar Tagen meldete ich mich bei der Firma und teilte denen meine Entscheidung mit. Beim abgesprochenen Gehalt muss ich den Personaler missverstanden haben und alle weiteren Klauseln sind vollkommen üblich. Abschließend meinte er noch, es sei also das Gehalt, was mich abschreckt. Ja, so ist es. Ich bin ein geldgieriges Arschloch und möchte gerne, dass sich meine fünf Jahre Studium, die Investitionen meiner Eltern, die Jahre, die ich nicht in die Altersvorsorge gesteckt habe, rentieren. Gut, mein Mann und ich werden uns trotz akademischen Werdegangs nie ein Eigenheim leisten können, die Pflege unserer Eltern wird uns finanziell ruinieren und im Gegensatz zu ihnen werden wir unserem Kind wohl niemals mit ein paar Scheinen unter die Armen greifen können. Aber deshalb muss man sich nicht in einer der teuersten Gegenden Deutschlands mit ein paar Kröten abspeisen lassen, die dann gerade einmal die Mehrausgaben für Kita und PKW decken. Respekt gegenüber Mitarbeitern fängt beim Gehalt an.

PCOS forever

Zwei Jahre ist es nun schon her, als ich das Brevactid und Puregon im Kühlschrank stehen hatte und kurz davor war, mir meine erste Hormonspritze zu setzen. Wie sieht es nun aus mit meinem Körper nach der Schwangerschaft? Ich muss zugeben, die leise Hoffnung gehabt zu haben, nach der Schwangerschaft würden sich meine Hormone normalisieren und ich bekäme einen 28-Tage-Traumzyklus. Schließlich habe ich schon des öfteren von Frauen gehört, die nach der Geburt ihres Kindes ein Reset ihres Zyklus´ erhalten haben. Plötzlich war dann nicht mehr das schwanger werden das Problem, sondern das nicht-schwanger bleiben. Nun, das soll wohl niemals meine Baustelle werden, wie es scheint. Anfangs sah es noch ganz gut aus. Kaum hatte ich die Stillmahlzeiten auf ein Minimum reduziert, hatte ich auch schon meinen ersten Eisprung post partum. Das kam für mich derart überraschend, dass ich mir zwei Wochen Sorgen gemacht habe, ob ich im September mit  einem Kleinkind UND einem Baby zu Hause hocken würde. Doch die gute alte Unfruchtbarkeit lässt mich nicht im Stich. Es ist nichts passiert, was mich darin motivierte auch die kommenden Monate unvorsichtig zu sein. Erst seit ein paar Monaten liegen frische Kondome im Nachttisch. Seit einiger Zeit ist mein Zyklus jedoch wieder komplett im Eimer. Ich scheine nun überhaupt keine produktiven Eisprünge mehr zu haben. Ein paar Tage nachdem Zervikalschleim und Mittelschmerz auf einen Eisprung hin deuten, bekomme ich Schmierblutungen, die kurz darauf in meine Menstruation über gehen. Obwohl ich momentan wirklich kein zweites Kind haben möchte, stimmt mich das ganz traurig. Es reißt irgendwie die alten Wunden wieder auf, keine vollwertige Frau zu sein. Die Unfruchtbarkeit ist das eine, die optischen Zeichen der PCOs das andere. Ich habe nun in ein IPL-System investiert, mit dem ich versuche der Behaarung zu Leibe zu rücken. Bei dieser Methode werden die Haare mittels eines starken Lichtimpulses zerstört. Der Farbstoff, der in den Haaren enthalten ist, absorbiert dabei die Lichtenergie und wandelt sie in Wärme um. Diese Hitze soll dann den Haarfollikel zerstören. Je dunkler das Haar und je heller die Haut, desto besser soll es funktionieren. Laut Hersteller, ist die Prozedur anfangs wöchentlich und später zwei- bzw. vierwöchentlich zu wiederholen. Bisher bin ich noch nicht sehr häufig dazu gekommen, mich mit der Blitzlampe hinzusetzen, weshalb ich auch keine nennenswerten Ergebnisse vorweisen kann. Mich würde allerdings stark interessieren, ob diese Haarentfernungsmethode überhaupt bei uns PCO-Frauen hilft. Schließlich sorgt der hohe Gehalt an männlichen Hormonen im Blut dazu, dass aus den feinen Härchen, die unseren Körper bedecken, starke, schnell wachsende Borsten werden, wie sie normalerweise nur bei Männern vorkommen. Zerstöre ich also die Haare, die bereits durch das Testosteron transformiert wurden, sucht sich das Hormon vermutlich einen anderen Angriffspunkt, und das Haar in der Nachbarschaft nimmt diese erschreckenden Auswüchse an. Bisher habe ich nicht viel im Netz darüber gefunden, ob es für den Erfolg der Haarentfernung eine Rolle spielt, welche Ursache der Bewuchs hat. In englischsprachigen Blogs gibt es einige Frauen mit PCOs, die von guten Ergebnissen mit IPL sprechen. Eine deutschsprachige Website hingegen behauptet, anhand einer Studie hätte man herausgefunden, dass Lasern besser funktioniert als IPL. Auch die Bewertungen diverser IPL-Geräte bei Amazon liegen teilweise Welten voneinander entfernt. Bei einigen scheint´s zu helfen, andere sind mehr als enttäuscht.

Eine effektivere Methode wäre, das Problem bei der Wurzel zu packen und die Quelle der männlichen Hormone quasi versiegen zu lassen. Eine Methode, die schon vielen geholfen hat, sind Pillen mit anti-androgenen Effekten. Diese Kontrazeptiva enthalten neben einem Östrogen auch ein Gestagen der vierten Generation, z.Bsp. Drospirenon, Chlormadinonacetat, Cyproteronacetat, Dienogest, Nomegestrolacetat. Als alleiniges Gestagen-Präparat können sie auch verwendet werden, besitzen dann jedoch keine verhütenden Eigenschaften. Für mich kommen die meisten Pillen nicht in Frage, da ich bereits unter Verwendung des NuvaRings eine Thrombophlebitis gehabt habe. Der Ring enthält im übrigen ein Gestagen der 3. Generation namens Etonogestrel, was keine antiandrogene Wirkung besitzt, jedoch das Risiko an einer Thrombose zu erkranken, deutlich stärker erhöht, als es andere Gestagene tun.

Leider ist noch nicht genug über die wahren Ursachen des PCO-Syndroms bekannt, weshalb von Seiten der Ärzte nur die Symptome behandelt werden können. Bei der Masse an Umweltgiften wundert es mich jedenfalls nicht, wenn die Hormone verrückt spielen. Weichmacher, Glyphosat, Plastik…alles der Struktur unserer Hormone so ähnlich, dass sie auch gerne mal deren Aufgabe übernehmen. Und dann wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der nicht wieder zu stoppen ist. Mal ganz abgesehen davon, dass es unmöglich ist, sich diesen Substanzen zu entziehen. Jedes Brötchen ist voll von dem Spritzmittel Glyphosat; es ist kaum noch möglich eine Sonnencreme ohne Nanopartikel zu erstehen und was wir alles mit dem Schluck aus der Plastepulle zu uns nehmen, das möchte ich gar nicht wissen.

Die Raupe

Ein „Souvenir“ der besonderen Art hat sich das kleene Froillein aus Sardinien mitgebracht: Wir nennen es die Raupe. Eigentlich habe ich diese originelle Form der Selbstregulation bereits vor vielen Monaten beobachtet. Damals hatte ich das kleene Froillein gerade zu Bett gebracht. Allen guten Ratschlägen von Kinderärzten und Erziehern zum Trotz, drehte sie sich prompt auf den Bauch und fing sogleich an raupenartige Bewegungen durchzuführen. Kurz leugnete ich noch meinen Verdacht. Die eigenen Eltern und Kinder haben schließlich kein Sexualleben. Nein, nein, nein! Doch als sie dann so verdächtig begann zu atmen, war mir klar, das Baby hat gerade eine nette Methode zum Einschlafen gefunden. Na, wenns hilft. Und so verließ ich das Zimmer in der Hoffnung, dass mein Kind von nun an immer sofort ein- und die Nacht durchschläft. In Wirklichkeit hatte sie ein paar Tage später wohl schon wieder vergessen, wie sie sich selbst in den Schlaf raupen kann. Erst auf Sardinien hat sie ihre Raupe wiedergefunden. Dort wurde uns vom Vermieter unserer Ferienwohnung ein Hochstuhl zur Verfügung gestellt, der am Tisch festgeschraubt wird. In diesem Hochstuhl rutschte das Froillein jedoch recht weit nach vorn….und seit dem wird jede Mahlzeit von einer kleinen Raupe Nimmersatt begleitet. Als wohl informierte, aufgeklärte Mutter weiß ich, dass das ja vööööööööööllig normal ist und wir keinesfalls darauf eingehen sollen. Einfach machen lassen. Aber es ist echt total nervig! Eine Zeit lang hat sie sogar das Essen verschmäht, weil sie besseres zu tun hatte. Bei der letzten Impfung habe ich die Kinderärztin darauf angesprochen. Die fand das wahnsinnig komisch, wie wir so am Frühstückstisch sitzen…Ja, ist es ja auch…irgendwie. Nur mit dem Unterschied, dass wir als Eltern nicht darüber lachen dürfen. Das könnte ja tiefgreifende Schäden verursachen. Wahrscheinlich wird es so enden, dass ich den vierten Hochstuhl kaufe. Diesmal einen ohne Halterung zwischen den Beinen.

Im Internet gibt es etliche Foren-Einträge, in denen besorgte Mütter von den Selbstbefri***ungsaktionen ihrer Kinder berichten. Dabei fällt auf, dass es bei Mädchen wohl als besonders „schlimm“ empfunden wird, wenn sie es tun und das nicht am Esstisch. Manche Mütter haben Angst, ihre Töchter könnten süchtig danach sein und nicht genug Schlaf bekommen. Woran liegt es, dass Masturbation bei Jungs und Männern scheinbar mehr akzeptiert wird? Obwohl sich unsere Generation für unglaublich aufgeklärt und lässig hält, habe ich doch sehr viele weibliche Bekannte, die zwar allesamt einen Dildo in der Nachttischschublade liegen haben, mit dem Thema aber letztlich nichts anfangen können. Ohne Partner geht bei denen nix. Ich war immer dankbar, dass ich sehr gut mit mir selbst auskommen kann. Das hat mich über die vielen einsamen Jahre meiner Pubertät hinweg getröstet, als ich gerne einen Freund mit allem drum und dran gehabt hätte, die Typen aber nur am dran interessiert waren und nicht am drumherum.

Tatsächlich hat sich die Wissenschaft auch diesem Thema gewidmet. In einer Studie aus dem Jahr 1991 wurden zwei verschiedene Gruppen Frauen untersucht. In der einen befanden sich Frauen, die masturbieren und dadurch auch einen Orgasmus erlangen. Die andere Gruppe bestand aus Frauen, die noch nie einen Orgasmus durch Masturbation erreicht hatten. Die Masturbations-Frauen hatten mehr Orgasmen, ein größeres sexuellen Verlangens, mehr Selbstvertrauens, brauchten weniger Zeit bis zur Erregung und waren sexuell Befriedigt.

Das sind ja mal schöne Nachrichten, auch wenn es aus dem Jahr 1991 nicht die neuesten sind. Merkwürdig hingegen ist, was ich zur infantilen Masturbation gefunden habe: Da widmen sich viele wissenschaftliche Studien auch aus neuerer Zeit der Differenzialdiagnostik zwischen epileptischen Anfällen und Masturbation bei Kindern. „Masturbationsanfälle“ oder auch „Grafication disorder“ haben vielen Eltern und Kinderärzten schlaflose Nächte bereitet. Dabei kommt es beim Kind zu folgenden „Symptomen“: Zusammenpressen von Beinen, Gesichtsröte, vor sich hinstarren, Stöhnen, Nichtansprechbarkeit. Häufig wird dieses „Krankheitsbild“ bei Mädchen im Säuglingsalter beobachtet. Dass ein völlig normaler Zustand pathologisiert wird und sogar seinen eigenen Gruselnamen bekommen hat, ist beispielhaft für die Verleugnung der Sexualität unserer Kinder. Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass eines Tages wohl ein pickeliger Teenager in Boxershorts aus dem Zimmer unserer Tochter kommen wird und fragt, ob noch was zu essen da ist.

Die Wahrheit übers Bahnfahren mit Kind

image-753bf0bb0742ee1cf14442459ec945853c8b67235356619d232893027d10bacc-V

Meine Freundin hat mir aus gegeben Anlass diesen Artikel geschickt. Vergangene Woche habe ich nämlich meine Eltern besucht, die ja nun dank unseres Umzugs nach Freiburg sechs Zugstunden entfernt Wohnen. Wie nach jeder Fahrt als Mutter mit der Bahn, habe ich mir geschworen, nie wieder mit einem Kind einen Zug zu betreten. Zumindest nicht in diesem Land.

Also liebe Ricarda, die wahrscheinlich für die PR-Abteilung der Deutschen Bahn arbeitet, mit einem Kleinkind Bahn zu fahren kann, was den Stressfaktor einer solchen Unternehmnung betrifft, nur von Bahnfahren mit zwei Kleinkindern getoppt werden. Ich bin nun keine routinierte Zugfahrerin, weshalb meine Erfahrungen nur einen Ausschnitt der tatsächlichen Vorkommnisse darstellen, aber sie entsprechen jeglichen Horrorvorstellungen, die frau sich vor Antritt einer solchen Reise nur ausmalen kann. Natürlich habe ich schon vor Ricardas Statement von den hochwohl gepriesenen Kleinkindabteilen der Deutschen Bahn gehört. Eine kurze Recherche im Internet ergab, dass es richtige Kleinkindabteile mit Babykostwärmern, sicheren Steckdosen, kleiner Spiellandschaft und Platz für Kinderwagen nur in bestimmten ICEs gibt, die wohl nur zwischen Lummerland und Saltkrokant verkehren und das auch nur am 30. Februar. Ich selbst habe so ein Abteil noch nie zu Gesicht bekommen. Irgendwo in der unendlichen Weite des Netzes finden sich jedoch Augenzeugen dieser fabulösen Erfindung. Immerhin bin ich schon so bahnerprobt, dass ich bescheiden geworden bin. Ich gäbe mich ja bereits mit freundlichen und hilfsbereiten Zugpersonal, Platz für den Kinderwagen und einem Wickeltisch im Klo zufrieden. Also habe ich, als ich noch naiv und gutgläubig an die Sache ran gegangen bin, bei der Platzreservierung auf den Button „Kleinkindabteil“ gedrückt. Bei meiner ersten Fahrt von Leipzig nach Freiburg suchte ich vergeblich nach unseren reservierten Plätzen. Der Zug wurde getauscht, die Platzkarten waren ungültig. Ich landete im Fahrradabteil, wo ich dank einer glücklichen Fügung eine Bekannte mit ihrem kleinen Sohn traf. Dort gab es genug Platz zum Rumkrabbeln und Spielen für die Kleinen. Außer uns, war kaum jemand im Abteil, was wohl das Allerbeste ist, das Eltern passieren kann. Denn wie ich später noch berichten werde, machen einem allen voran die Mitreisenden Stinkstiefel das Leben schwer. Nach Umstieg in Frankfurt folgte meiner anfänglichen Euphorie die Ernüchterung. Meine Platzkarten schickten das Froillein und mich in das Flüsterabteil. Ausgerechnet mit Schreikind in die Höhle der Ruhebedürftigen und Arbeitswütigen…das kann ja heiter werden. Doch ich und das restliche Großraumabteil hatten Glück. Madame machte ganz viel die Augen zu und schlief. Während meiner wenigen Bahnfahrten -es waren genau fünf- habe ich in immerhin zwei Zügen eine Wickelvorrichtung finden können. Nie konnte ich den Kinderwagen in die Nähe unseres Sitzplatzes stellen und kein einziges Mal gab es fürs Froillein warme Kost. Zum Glück stellt sie sich da nicht so an und verspeist ihren Brei auch zimmerwarm.

Nun aber zum eigentlich Knackpunkt. Ob eine Reise mit Kind gut oder katastrophal wird, hängt zum großen Teil von den Mitreisenden ab. Ich habe da sehr verschiedene Situationen erlebt und meine Statistik bestätigt mich in dem Verdacht, dass Ossis Kinder und allen voran deren Mütter hassen. „Wenn du den Kinderwagen nicht allein schleppen kannst, warum hast du dann nicht abgetrieben? Das ist doch heutzutage kein Problem mehr.“ Hat nie jemand zu mir gesagt. Stattdessen folgende Szenen:

Ich komme abgehetzt am Anschlusszug an, da den Bahn-Verantwortlichen kurz vor Einfahrt in den Bahnhof Frankfurt einfiel die Weiterreisenden nach Leipzig hier aussteigen zu lassen, statt in Fulda. Grund war, wie üblich eine Verspätung. Da guckste nicht schlecht, als Mutter mit Kind, wenn du genau zwei Minuten Zeit hast, den Kinderwagen zusammenzubauen, Sachen zusammen packen und Reisegepäck anlegen musst und dann noch von Gleis 3 nach Gleis 7 hetzen musst. Ohne Hilfe eines Mitreisenden wäre das nicht möglich gewesen (Danke Rocker-Opa). Den Zug erreiche ich also und frage die Schaffnerin, ob ich noch genug Zeit habe bis zu meinem reservierten Abteil rennen zu können oder lieber gleich hier einsteigen soll. Die labert mit ihrem schnippischen Berlinerisch, dass ich das nicht mehr schaffe und hier einsteigen soll. Da stehe ich also mit meiner Tasche auf dem Rücken, die so groß und schwer ist, wie ich, dem Baby im Buggy, vollgestopft mit allem, was ich vor Ausstieg nicht wegpacken konnte. Und was macht sie? NIX. Ich frage sie dann also freundlich, ob sie mir nicht helfen könnte. Sie rollt mit den Augen und sagt: „Ja, ja det jet aber nich, wenn se so rum stehen. Jetzt drehn se das Jefährt doch mal anners…“ Danke. Bitch.

Noch besser ging es im Abteil weiter. Ich scheiß auf meine Platzkarten und setze mich mit Baby auf zwei freie Plätze an einem Tisch. Ich merke, die Blicke und kann förmlich die Gedanken der anderen hören…nicht ausgerechnet hier hin mit Kind. Ich wundere mich, und vergewissere mich noch einmal, dass es sich auch wirklich nicht um das Flüsterabteil handelt. Das Froillein ist heute genervt von dem ganzen Stress. Sie meckert. Der Mann mir gegenüber, alter Sack mit Schmärbauch und Halbglatze, der irgendwelche Chat-Nachrichten in sein Smartphone schmiert, stöhnt genervt, kramt nach seinen Kopfhörern und stopft sie sich wutentbrannt in die Ohren. Ich fühle mich großartig. Endlich konnte ich mit meinem Kind wieder jemanden seinen  Wellnessaufenthalt in der zweiten Klasse der Deutschen Bahn versauen. Hoffentlich weint mein Baby so laut, dass es bis in das Flüsterabteil gegenüber vordringt und dort jemand sein Projekt nicht beenden kann und wegen uns entlassen wird. Das wäre das Größte! Verdient hättet ihr es alle mal, ihr kinderhassenden Vollwichser. (Ironie off off) Kurz vor Endstation Leipzig grient meine Tochter den Ollen an. Sie ist halt nicht nachtragend. Da sagt er: „Na, wenn sie lacht, ist sie ja wirklich niedlich. Aber wenn sie weint….! Das ist nicht schön!“

Weitere Dinge, die ich erlebt habe, aber nicht detailliert ausführen kann, da ich jetzt zur Kita spurten muss:

Zwei ältere Damen betreten den Zug, schauen in unser Abteil, wo sie offensichtlich Plätze reserviert haben und sagen: „Orr nee, hier ist n Kind. Lass uns woanders hin gehen.“

Das Froillein guckt im Großraumabteil zwischen den Sitzen hindurch nach hinten und lacht einen Mann jüngeren Alters an. Der hat wahrscheinlich Angst, dass sie Papa ruft und dreht sich energisch und stöhnend weg zum Fenster. Seine mp3-Musik stellt er daraufhin so laut, dass er das ganze Abteil beschallt.

„Willkommen zurück in Deutschland“

Manchmal glaube ich, ich bin im falschen Film. Ist irgendwie nicht mein Leben, grad. Heute morgen ruft mich die Kita an, um nachzufragen, wo denn der Kuchen für Froilleins Kita-Geburtstagsparty bleibt. Als wir das Thema geklärt haben, fragt die Erzieherin nach, wie denn meine Job-Bemühungen so laufen. Ich sage ihr, es hagelt Absagen. Daraufhin meint sie, das täte ihr leid, aber so langsam sollte ich was finden, denn sonst würde es mit dem Kita-Platz schwierig werden. Eigentlich gäbe es die Regelung, dass beide Eltern innerhalb von drei Monaten in Lohn und Brot sein müssten. Bisher hätte die von „oben“ noch nichts verlauten lassen…aber…naja….Dann ein paar aufbauende Worte. „Das wird schon.“ Bla Bla. Wie oft ich diese Killer-Phrase schon in meinem Leben gehört habe . Irgendwann lass ich sie mir in Eisen gießen und hau damit jedem eine drüber, der mir so kommt.

Wenn wir tatsächlich diesen Kita-Platz verlieren, dann wars das mit meiner beruflichen Perspektive. Da kommt nämlich die schwarze Katze aus dem Sack, dreht sich im Kreis und beißt sich in den Schwanz. Ohne Betreuungsplatz keine Arbeit.

Ich weiß ja nicht, was die Kita-Ober-Leitung alles als Job durchgehen lässt. Ehrenamt? Freiberufliche Tagträumerin? Bloggerin? Selbstständige Versagerin? 450-€-Arbeitssklave?

Ich hab jedenfalls echt keinen Bock mehr auf die ganze Chose. Hocke hier in der baden-württembergischen Provinz, wo die Geschäfte von zwölf bis drei Mittagspause machen, die Menschen kein S sprechen können, schreibe drei Bewerbungen die Woche und es passiert NICHTS! Alles, was schön ist, liegt 8 Stunden Fahrt entfernt…Freunde, Familie, Leipzig…

Geburtstag auf Sardinesisch

So, da simmer wieder. Zwei Wochen Sardinien-Urlaub liegen hinter uns. Wobei ich zu der Erkenntnis gelangt bin, dass eher vom „Wegsein mit Kind“ die Rede sein sollte, als von Urlaub. Mit dem Wort Urlaub verbinde ich langes Ausschlafen, lecker Essengehen, am Strand rumliegen und lesen, n bisschen Kirchengelatsche und Kultur fürs Gewissen und um Interesse an den Menschen und der Region zu heucheln. All das ist mit Kind -also mit unserem Kind, nicht möglich. Die erste Woche war der Horror. Das kleene Froillein weckte uns morgens gegen sechs (wohlgemerkt, sie geht prinzipiell nicht vor halb neun schlafen). Den kurzen Nächten war es dann auch geschuldet, dass sie im weiteren Tagesverlauf unausstehlich war. Sobald wir im Auto saßen, vielen ihr die Äuglein zu. Aber erst, nachdem sie sich ausgiebig erbrochen hatte. Denn wie wir feststellen mussten, verträgt sie das Autofahren sehr schlecht. Dumm, wenn man sein Ferienappartment auf 480 Meter über N.N. gebucht hat und der Strand und die Zivilisation nur über eine 16 minütige Serpentinenfahrt zu erreichen ist. Die kurze Fahrt reichte jedoch nie aus, um sich von der miesen Laune zu erholen. Also giggelte sie die erste halbe Stunde noch ein wenig, sobald wir jedoch ein Restaurant erreicht hatten, in dem wir uns zum Essen niederlassen wollten, forderte der Schlafmangel seinen Tribut. Weder mit Pizza, Pasta noch mit Fritten gelang es uns, sie zu besänftigen. Am schlimmsten Tag schrie sie nach dem Essen das ganze Einkaufsboulevard zusammen und hielt bis zur Unterkunft durch, wo sie dann schluchzend in unserem Bett einschlief. Solche Ausraster kommen nun scheinbar häufiger vor. Ein paar Tage später -wieder war Schlaf Mangelware- drehte sie am Strand ab, als wir ihr verboten haben, die Tasche auszuräumen. Mit Liebe und Verständnis war ihr nicht beizukommen. Der Versuch, sie im Arm zu halten, ließ das Kind nur noch mehr eskalieren. Sie hat sich gewunden wie ein Wurm, sich in den Sand fallen lassen, bis ihr Gesicht von einer Panade aus Sand und Rotz bedeckt war. Zu Hause ging das Theater dann weiter, als ich sie versuchte zum Mittagsschlaf hin zu legen. Also dachte ich mir, gut du bist jetzt fast ein Jahr alt. Vielleicht musst du jetzt lernen selbst ein bisschen runter zu kommen. Ich sagte ihr noch kurz, dass ich nun das Zimmer verlassen werde und ganz in der Nähe bin. Nach einem kurzen Moment war sie eingeschlafen. Nach über zwei Stunden (!!!) war das Froillein wie ausgewechselt. Die zweite Urlaubswoche gestaltete sich dann tatsächlich entspannter. Ich glaube wirklich, dass es Eltern einfach mal bis „hier“ stehen muss, damit Kinder sich weiterentwickeln können. Es ist ja nun viel und in meinen Augen genug über die sogenannte Ferber-Methode geredet worden. Meistens eher schlecht geredet worden. Tatsächlich habe ich jedoch den Anschein, dass Eltern irgendwann von selbst „Ferbern“, auch wenn sie es gar nicht beabsichtigt haben. Ich habe mich viel mit meinem Bruder, der bereits drei Kinder hat, über Froilleins Schlafprobleme unterhalten. Er erzählte mir von seinem Ältesten, wie er als zehn Monate altes Baby die Angewohnheit hatte, Nachts um vier aufzustehen und mit seinen Eltern spielen wollte. Die beiden waren gerade Mitte zwanzig und noch im Uni-Stress. Sie hatten mit ihm schon einiges durchgemacht. Auch er war ein Schreikind und Schlafverweigerer. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit dem brüllenden Baby im Kinderwagen Spurrillen in die Feldwege gelatscht bin. Wir nannten ihn damals sogar, das Kind, das niemals lachte. Jedenfalls waren mein Bruder und seine Frau nach mehreren Wochen ohne ausreichend Schlaf derart fertig, dass sie eines Nachts einfach so tief geschlafen haben, dass sie meinen Neffen nicht gehört haben. Von da an wurde vieles leichter. Als er musste, hat er es geschafft sich selbst zu beruhigen und zurück in den Schlaf gefunden, den er ja eigentlich dringend brauchte.

Am vergangenen Freitag ist das kleene Froillein also ein Jahr alt geworden. Für mich war das wirklich ein sentimentales Ereignis. Und ich bin mir nicht sicher, ob das Jahr nun schnell oder langsam vergangen ist. Das erste halbe Jahr zog sich jedenfalls wie ein Backcamembert. Traurig bin ich darüber, dass ich das Gefühl habe, es hätte kaum schöne Momente gegeben. Gerade die ersten Wochen nach der Geburt gab es in meiner Wahrnehmung keine Situation, in der ich glücklich gewesen bin. Auch das Stillen habe ich nicht in positiver Erinnerung behalten. Mittlerweile kann ich mir wenigstens hin und wieder vorstellen, ein weiteres Kind zu bekommen. Für KiWu-Frauen ist das jedoch ein Thema, dass ebenfalls alte Wunden aufreißt. Also lassen wir es mit den Vorstellungen über der Zukunft und dem Hadern mit der Vergangenheit und widmen uns den aktuellen Themen: Die Fortschritte, die das kleine Menschlein in den letzten Wochen so gemacht hat. Laufen -und da bin ich ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht, kann sie noch nicht. Obwohl sie ja recht früh gekrabbelt ist und sich seitdem an Möbeln hoch zieht, scheint sie für die freie Vertikale noch nicht genug Stabilität zu besitzen. Da ihr das Sitzen auf dem Po überhaupt nicht zusagt und sie alles, wofür sie freie Hände braucht, auf den Knien hockend erledigt, wird der Rücken nicht gut gestärkt. Ich bin kein Orthopäde, aber wenn ich es selbst ausprobiere, dann brauch ich für das Sitzen auf dem Po mit geraden Rücken mehr Muskelkraft im Oberkörper. Dafür hat sie im „Urlaub“, als sie den steinigen, mediterranen Boden überwinden musste, den Bärengang entdeckt. Auf den Knien zu krabbeln war ihr wohl zu pieksig. Die Motorik scheint derzeit also ebenso wie die rechte untere Zahnleiste einen Gang zurück zu schalten. Wahrscheinlich braucht ihr Sprachzentrum derzeit alle neuronale Aufmerksamkeit, denn mittlerweile plappert das Kind wie ein Wasserfall. Es klingt zwar wie Klingonisch mit Heliumakzent, aber die Intonation -vor allem Befehle und Fragen- beherrscht sie außerordentlich gut.

Mein Kind, dein Kind, unser aller Kind

Der perfekte Zeitpunkt mit einer Erkältung flach zu liegen. Am Freitag wollen wir in unseren aller ersten gemeinsamen Urlaub aufbrechen. Nicht nur der erste als Familie. Auch als Paar waren mein Mann und ich noch nie im Urlaub. Zwischen Uni-Abschlüssen, Hochzeit und befristeten Arbeitsverträgen hat sich in der Tat bisher nie die Möglichkeit geboten, weg zu fahren. Vorher steht noch ein Job-Interview an. Tatsächlich scheint eines meiner blumigen Anschreiben auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Mal sehen, wie sich das Gespräch so gestalten wird. Zu allem Überfluss hat das kleine Froillein sich genau jetzt dazu entschlossen in die Zeitmaschine zu steigen und fünf Monate in die Vergangenheit zu reisen, als „Schlafen“ nur mit stündlicher Unterbrechung möglich war. Die letzten Nächte waren wieder der Horror. Kein Wunder, dass so die Rotznasen-Bazillen aus der Kita auch bei mir leichtes Spiel haben.

Also lasse ich meinen Reinigungsmontag heute einen Faulenzmontag sein und gebe mir die volle Ladung Hausfrauen-Bespaßung: „Mein Kind, dein Kind“ – das neue Reality-Format auf Vox. Dass sich selbsternannte Übermuttis aneinander messen und sich ihre Sicht der Dinge unter die Nase reiben, ist nicht unbedingt neu. Hat es ja schon alles gegeben. In dieser Sendung können wir nun jedoch einen von Vox auserwählten „Querschnitt“ der deutschen Bevölkerung dabei beobachten, wie sie von der heimischen Couch aus ihren Senf zu den gezeigten Filmausschnitten abgeben. Das ist dann schon mega meta. Noch mehr meta geht fast nicht. Damit befriedigt Vox das Bedürfnis eines Großteils unserer Gesellschaft, indem die Sendung eine Plattform schafft für all die nett gemeinten Ratschläge die man diesen ganzen unfähigen Müttern gerne um die Ohren hauen möchte. Und die Sendung beweist, sie sind wirklich durch die Bank weg unfähig. Vornehmlich natürlich in den Augen des gegenübergestellten Eltern, aber auch beim „Querschnitt“ der Bevölkerung kommt kaum ein Erziehungsstil kritiklos davon. Das bestätigt mich in meiner Annahme, dass es DEN perfekten Erziehungsstil wohl nicht gibt. Ich habe ehrlich gesagt, nicht die leiseste Ahnung von Kinder-Erziehung, kann mich des Verdachts jedoch nicht erwehren, dass es am Schluss zum Kind passen muss. Außerdem sollte man wohl jederzeit dazu bereit sein, seine heiligen Vorstellungen, Privilegien und Ideale über Bord zu werfen.

Wenn ich mir überlege, was ich mir vor einem Jahr so alles vorgenommen habe…davon ist nun nicht mehr viel übrig geblieben. Die Stoffwindeln haben es geschafft. Die weiße Baumwollkleidung, der weitestgehende Verzicht auf Plastik und das Trinken aus dem Becher-um nur einige gute Vorsätze zu nennen- mussten der Realität weichen. Direkt nach der Entbindung musste ich feststellen, dass kein einziges Kleidungsstück aus dem abgelegten Fundus meiner Neffen passte. Also habe ich meine Mutter losgeschickt, der Kronprinzessin neue Gewänder in klein zu kaufen. Sie kam vollgepackt mit H&M-Tüten deren Inhalt alles andere als hautsympatisch, fair oder ökologisch einwandfrei erschien. Aber das kleene Froillein sah grandios in den Leoparden-Leggins aus. Später musste ich außerdem feststellen, dass (intensiv) gebrauchte Babykleidung auch keine Lösung ist. Diese entwickelt unter Umständen nämlich spermatöse Gerüche, sobald sie im Sabberbereich feucht wird. Und da verstand ich auch, weshalb meine Freundinnen mit noch nicht abgeschlossenen Kinderwunsch davon Abstand nahmen, mir die abgelegten Kleider ihrer Kinder zu leihen.

Ein Thema, das auch immer wieder bei den Vox-Müttern auftaucht, ist der Umgang mit Medien. Das ist natürlich eine Herausforderung, die keine Eltern-Generation zuvor in dieser Art und Weise meistern muss. Gerade wir in den Achtzigern Geborenen haben einen Teil unserer Kindheit ohne PC und Internet verbracht. Den ersten Computer haben sich meine Eltern Mitte der 90er zugelegt, Anfang der Nuller Jahre wurde bei uns ein Internetanschluss installiert, mein ersten Handy bekam ich mit 16 -zugegeben, als letzte in der Klasse- und ein Smartphone besitze ich seit 2011. Meine Eltern hatten bis 1998 keinen Fernseher. In den Genuss des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms kamen wir nur, wenn wir zur Oma rüber gingen. Mein Bruder und ich wurden während unserer Kindheit also weitestgehend vom Medienkonsum ferngehalten. Wenn wir dann jedoch bei meinen Großeltern im fernen Thüringen zu Besuch waren, haben wir unsere Defizite aufgefüllt. Von früh bis spät haben wir uns das volle Programm der Privaten gegeben. Somit war der gute Gedanke meiner Eltern binnen weniger Ferientage zunichte gemacht. Auf die Gefahren des Internet waren meine Eltern hingegen nicht im geringsten vorbereitet. Mit 14 begann ich auf verschiedenen Plattformen zu chatten. Da kein Junge im realen Leben was von mir wissen wollte, suchte ich mein Glück im virtuellen Raum. Das hätte mich beinahe in große Gefahr gebracht, als ich mich auf ein BlindDate mit einem vermeintlich 23 Jährigen verabredete. Wenn meine Freundin D. damals nicht darauf bestanden hätte, mich zu begleiten, läge ich wahrscheinlich irgendwo verscharrt im Wald.

Dagegen mag eine Überdosis Fernsehen geradezu harmlos sein. Jedenfalls bei Jugendlichen. Bei Kleinkindern und Babys scheint Fernsehen jedoch der absolute Super-Gau für die frischen Synapsen zu sein. Abgesehen davon, dass der Fernseher bei unserer Tochter -und so wird es bei allen Kindern sein- die Aufmerksamkeit bündelt und dann keine Ansprache mehr möglich ist, führt die Flimmerkiste in 100% der Fälle bei ihr zu gestörten Schlafverhalten. Natürlich ist das Problem der durchwachten Nächte nicht allein auf das Fernsehen zurück zu führen. Wenn ich aber Lust habe, die Nacht mit einem schreienden Kind zu verbringen, dann brauch ich nur den Fernseher in ihrem Beisein anzumachen. Der „Erfolg“ ist garantiert…

Riesensauerei

Bald ist es ein Jahr her, dass sich mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat, dass ich an die Grenzen meiner Belastbarkeit geraten bin, dass meine Partnerschaft beginnen musste, sich neu zu definieren, dass ich von einer Krise in die nächste gestürzt bin, dass ich begonnen habe, ungeahnte Kräfte zu entwickeln, dass ich Mutter geworden bin.

Die Schlafprobleme haben wir größtenteils hinter uns gelassen….Meistens jedenfalls. Und das ist auch nur eine Momentaufnahme. Wer weiß schon, wie es in einem Monat, einer Woche oder bereits heute Abend aussieht? Aber prinzipiell sind wir routinierter geworden, sodass unser kleiner überspannter Bogen auch mal kleine Veränderungen vom Tagesablauf verkraftet, ohne gleich vor Anspannung zu explodieren. Dafür müssen wir nun neuen „Herausforderungen“ begegnen. Erziehung zum Beispiel. Das kleene Froillein ist eine durchaus gute Esserin und noch dazu durchsetzungstark, wie eh und je. Da bekommt der Ausspruch, sie lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen, gleich eine neue Bedeutung. Selbst vor der Butter der anderen schreckt sie nicht zurück. Das führt regelmäßig zu kleineren Konflikten am Esstisch oder -was ich als äußerst unangenehm empfinde- auf dem Spielplatz. Dort krabbelt sie nämlich gerne zu anderen Familien auf die Picknick-Decken und futtert den Kindern das gute Bio-Obst und die sorgfältig ausgewählten Dinkelkekse weg. Wenn  der Nahrungsstrom unterbrochen wird, quittiert sie das mit einem energischen „Mrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr“ und wenn dann aber nicht sofort für Nachschub gesorgt wird, geht die Sirene an. Ihre Eltern kann sie damit nicht beeindrucken. Wir sind ja schlimmeres gewohnt. Den Spielplatz-Muddis treibt das jedoch den Angstschweiß auf die Stirn und sie werfen dem knurrenden Löwen noch ein weiteres Steak vor, bevor er sich an den Ohren ihrer Kinder satt isst. Als Besitzerin eines fressdummen Labradors kenne ich, welchen Effekt das füttern durch Fremde hervorruft. Nur hätte ich nicht damit gerechnet bei meiner Tochter auf ähnliche Probleme zu stoßen. Zu Hause machen die beiden dann auch noch gemeinsame Sache. Während der Hund viel zu gutmütig ist, uns um des Essen Willens anzuknurren und sich eher durch Penetranz als Aggressivität im Bettelverhalten auszeichnet, übernimmt Madame den kampfeslustigen Part und ergaunert sich so Happen, die sie dann ganz elegant fallen lässt, wo der Hund schon parat steht, sie aufzunehmen. Damit versaut sie mir die jahrelange strenge Erziehung innerhalb einer Mahlzeit. Also wird der Hund zum Essen nach draußen verbannt und Madame kann den Boden mit angelutschten Brot, ausgezutschten Tomaten und durchgekauten Paprika pflastern. Ich mutmaße, dass das Werfen mit Nahrungsmitteln bei meiner Tochter exponentiell mit ihrem Sättigungsgrad zunimmt. Daher wird das Essen nun beendet, sobald das Brot zum dritten Mal fliegen lernt. Trotzdem sieht es hinter her aus, wie nach dem 18. Geburtstag meines Bruders. Im übrigen habe ich meine Ambitionen, dass das Kind von Anbeginn und ausschließlich aus dem Becher lernt zu trinken, über Board geworfen. Das vertage ich mal auf den Sommer. Dann lass ich das Kind den ganzen Tag nackt durch den Garten rennen und am Abend wird sie in der Dusche einfach nur kurz abgespült. Das trinken aus den riesigen schwedischen Cocktailgläsern klappt hingegen ganz ausgezeichnet (natürlich mit Wasser befüllt und nicht mit Caipi). Die krallt sie sich nämlich gerne, wenn wir sie auf dem Wohnzimmertisch nicht abgeräumt haben.

Nun, diesen kleine Sauereien kann ich mit Lappen und Spülmittel begegnen. Gegen die Riesensauerei, dass ich keinen Job finde, bin ich hingegen absolut machtlos. Ich habe das Gefühl, meine Bewerbungen werden gleich auf den „Vernichtungsstapel“ gelegt, sobald die lesen, dass ich in Elternzeit bin. Viele melden sich gar nicht oder erst nach Monaten mit einer Absage. Ich bin bald dreißig und absolut perspektivlos. Als ich begonnen habe zu studieren, wollte ich Wissenschaftsjournalistin werden. Im Bachelor großartig Praktika in einer Redaktion machen oder gar ein Volontariat? Absolut undenkbar. Ich konnte das Prüfungsamt mit Ach und Krach davon überzeugen für 10 Wochen in die USA zu gehen. Auf Nebenjobs mit redaktionellen Hintergrund habe ich mich oft beworben und bin nie genommen worden. Mit Mitte Zwanzig gehörte ich halt schon zum alten Eisen. Mit den ganzen Kindern, die mit 17 oder 18 aus den Schulen an die Unis strömen, konnte ich schon damals nicht mithalten. Die haben sich ja bereits in der Grundschule für irgendein berufliches Profil entschieden, sprechen Englisch wie ihre zweite Muttersprache, haben den halben Erdball als Backpacker bereist als sie gerade laufen konnten und spätestens im Kindergarten ihr eigenes Buch veröffentlicht. Den Traum, vom Schreiben leben zu dürfen, habe ich längst begraben. Selbst als Bloggerin habe ich miserable Klicks. Meine Brigitte-Mom-Likes stagnieren seit Monaten. Aber wen wunderts. Selbst diese Sparte reißen diese großen, schönen, blonden Mütter mit den Katalogkindern, ihren Designerhäusern und skandinavischen Möbeln an sich. Die werden gehypt von der Brigitte-Redaktion. Sind Blog-LIeblinge. Themenmäßig natürlich immer nah dran: Die haben alles. Träge Eileiter, Wochenbettdepressionen, Mütterkoller, Karriereknick, Angst vorm Altern. Hab ich auch. Aber mich liest keiner. Zehn Jahre früher hätte ich mit meiner großen Klappe, Indiskretion und dem Ansprechen von Flüsterthemen noch was reißen können. Mittlerweile ist das Leben weitestgehend enttabuisiert, Charlotte Roche hat die Kotzgrenze um Meilen überschritten und unter dieser Blogschwemme ertrinken selbst die smartesten Ergüsse. An die Oberfläche schaffen es nur jene, die über entsprechende Kontakte verfügen. Da kann ich einfach nicht mithalten und ich habe keine Lust mehr drauf, Dinge zu schreiben, die keinen erreichen. Das ist wie eine Beziehung ohne Sex. Ganz nett, aber nicht annähernd befriedigend.

Beitragsnavigation