Frauenbauch

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Archiv für den Monat “April, 2015”

Mein Kind, dein Kind, unser aller Kind

Der perfekte Zeitpunkt mit einer Erkältung flach zu liegen. Am Freitag wollen wir in unseren aller ersten gemeinsamen Urlaub aufbrechen. Nicht nur der erste als Familie. Auch als Paar waren mein Mann und ich noch nie im Urlaub. Zwischen Uni-Abschlüssen, Hochzeit und befristeten Arbeitsverträgen hat sich in der Tat bisher nie die Möglichkeit geboten, weg zu fahren. Vorher steht noch ein Job-Interview an. Tatsächlich scheint eines meiner blumigen Anschreiben auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Mal sehen, wie sich das Gespräch so gestalten wird. Zu allem Überfluss hat das kleine Froillein sich genau jetzt dazu entschlossen in die Zeitmaschine zu steigen und fünf Monate in die Vergangenheit zu reisen, als „Schlafen“ nur mit stündlicher Unterbrechung möglich war. Die letzten Nächte waren wieder der Horror. Kein Wunder, dass so die Rotznasen-Bazillen aus der Kita auch bei mir leichtes Spiel haben.

Also lasse ich meinen Reinigungsmontag heute einen Faulenzmontag sein und gebe mir die volle Ladung Hausfrauen-Bespaßung: „Mein Kind, dein Kind“ – das neue Reality-Format auf Vox. Dass sich selbsternannte Übermuttis aneinander messen und sich ihre Sicht der Dinge unter die Nase reiben, ist nicht unbedingt neu. Hat es ja schon alles gegeben. In dieser Sendung können wir nun jedoch einen von Vox auserwählten „Querschnitt“ der deutschen Bevölkerung dabei beobachten, wie sie von der heimischen Couch aus ihren Senf zu den gezeigten Filmausschnitten abgeben. Das ist dann schon mega meta. Noch mehr meta geht fast nicht. Damit befriedigt Vox das Bedürfnis eines Großteils unserer Gesellschaft, indem die Sendung eine Plattform schafft für all die nett gemeinten Ratschläge die man diesen ganzen unfähigen Müttern gerne um die Ohren hauen möchte. Und die Sendung beweist, sie sind wirklich durch die Bank weg unfähig. Vornehmlich natürlich in den Augen des gegenübergestellten Eltern, aber auch beim „Querschnitt“ der Bevölkerung kommt kaum ein Erziehungsstil kritiklos davon. Das bestätigt mich in meiner Annahme, dass es DEN perfekten Erziehungsstil wohl nicht gibt. Ich habe ehrlich gesagt, nicht die leiseste Ahnung von Kinder-Erziehung, kann mich des Verdachts jedoch nicht erwehren, dass es am Schluss zum Kind passen muss. Außerdem sollte man wohl jederzeit dazu bereit sein, seine heiligen Vorstellungen, Privilegien und Ideale über Bord zu werfen.

Wenn ich mir überlege, was ich mir vor einem Jahr so alles vorgenommen habe…davon ist nun nicht mehr viel übrig geblieben. Die Stoffwindeln haben es geschafft. Die weiße Baumwollkleidung, der weitestgehende Verzicht auf Plastik und das Trinken aus dem Becher-um nur einige gute Vorsätze zu nennen- mussten der Realität weichen. Direkt nach der Entbindung musste ich feststellen, dass kein einziges Kleidungsstück aus dem abgelegten Fundus meiner Neffen passte. Also habe ich meine Mutter losgeschickt, der Kronprinzessin neue Gewänder in klein zu kaufen. Sie kam vollgepackt mit H&M-Tüten deren Inhalt alles andere als hautsympatisch, fair oder ökologisch einwandfrei erschien. Aber das kleene Froillein sah grandios in den Leoparden-Leggins aus. Später musste ich außerdem feststellen, dass (intensiv) gebrauchte Babykleidung auch keine Lösung ist. Diese entwickelt unter Umständen nämlich spermatöse Gerüche, sobald sie im Sabberbereich feucht wird. Und da verstand ich auch, weshalb meine Freundinnen mit noch nicht abgeschlossenen Kinderwunsch davon Abstand nahmen, mir die abgelegten Kleider ihrer Kinder zu leihen.

Ein Thema, das auch immer wieder bei den Vox-Müttern auftaucht, ist der Umgang mit Medien. Das ist natürlich eine Herausforderung, die keine Eltern-Generation zuvor in dieser Art und Weise meistern muss. Gerade wir in den Achtzigern Geborenen haben einen Teil unserer Kindheit ohne PC und Internet verbracht. Den ersten Computer haben sich meine Eltern Mitte der 90er zugelegt, Anfang der Nuller Jahre wurde bei uns ein Internetanschluss installiert, mein ersten Handy bekam ich mit 16 -zugegeben, als letzte in der Klasse- und ein Smartphone besitze ich seit 2011. Meine Eltern hatten bis 1998 keinen Fernseher. In den Genuss des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms kamen wir nur, wenn wir zur Oma rüber gingen. Mein Bruder und ich wurden während unserer Kindheit also weitestgehend vom Medienkonsum ferngehalten. Wenn wir dann jedoch bei meinen Großeltern im fernen Thüringen zu Besuch waren, haben wir unsere Defizite aufgefüllt. Von früh bis spät haben wir uns das volle Programm der Privaten gegeben. Somit war der gute Gedanke meiner Eltern binnen weniger Ferientage zunichte gemacht. Auf die Gefahren des Internet waren meine Eltern hingegen nicht im geringsten vorbereitet. Mit 14 begann ich auf verschiedenen Plattformen zu chatten. Da kein Junge im realen Leben was von mir wissen wollte, suchte ich mein Glück im virtuellen Raum. Das hätte mich beinahe in große Gefahr gebracht, als ich mich auf ein BlindDate mit einem vermeintlich 23 Jährigen verabredete. Wenn meine Freundin D. damals nicht darauf bestanden hätte, mich zu begleiten, läge ich wahrscheinlich irgendwo verscharrt im Wald.

Dagegen mag eine Überdosis Fernsehen geradezu harmlos sein. Jedenfalls bei Jugendlichen. Bei Kleinkindern und Babys scheint Fernsehen jedoch der absolute Super-Gau für die frischen Synapsen zu sein. Abgesehen davon, dass der Fernseher bei unserer Tochter -und so wird es bei allen Kindern sein- die Aufmerksamkeit bündelt und dann keine Ansprache mehr möglich ist, führt die Flimmerkiste in 100% der Fälle bei ihr zu gestörten Schlafverhalten. Natürlich ist das Problem der durchwachten Nächte nicht allein auf das Fernsehen zurück zu führen. Wenn ich aber Lust habe, die Nacht mit einem schreienden Kind zu verbringen, dann brauch ich nur den Fernseher in ihrem Beisein anzumachen. Der „Erfolg“ ist garantiert…

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Riesensauerei

Bald ist es ein Jahr her, dass sich mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat, dass ich an die Grenzen meiner Belastbarkeit geraten bin, dass meine Partnerschaft beginnen musste, sich neu zu definieren, dass ich von einer Krise in die nächste gestürzt bin, dass ich begonnen habe, ungeahnte Kräfte zu entwickeln, dass ich Mutter geworden bin.

Die Schlafprobleme haben wir größtenteils hinter uns gelassen….Meistens jedenfalls. Und das ist auch nur eine Momentaufnahme. Wer weiß schon, wie es in einem Monat, einer Woche oder bereits heute Abend aussieht? Aber prinzipiell sind wir routinierter geworden, sodass unser kleiner überspannter Bogen auch mal kleine Veränderungen vom Tagesablauf verkraftet, ohne gleich vor Anspannung zu explodieren. Dafür müssen wir nun neuen „Herausforderungen“ begegnen. Erziehung zum Beispiel. Das kleene Froillein ist eine durchaus gute Esserin und noch dazu durchsetzungstark, wie eh und je. Da bekommt der Ausspruch, sie lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen, gleich eine neue Bedeutung. Selbst vor der Butter der anderen schreckt sie nicht zurück. Das führt regelmäßig zu kleineren Konflikten am Esstisch oder -was ich als äußerst unangenehm empfinde- auf dem Spielplatz. Dort krabbelt sie nämlich gerne zu anderen Familien auf die Picknick-Decken und futtert den Kindern das gute Bio-Obst und die sorgfältig ausgewählten Dinkelkekse weg. Wenn  der Nahrungsstrom unterbrochen wird, quittiert sie das mit einem energischen „Mrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr“ und wenn dann aber nicht sofort für Nachschub gesorgt wird, geht die Sirene an. Ihre Eltern kann sie damit nicht beeindrucken. Wir sind ja schlimmeres gewohnt. Den Spielplatz-Muddis treibt das jedoch den Angstschweiß auf die Stirn und sie werfen dem knurrenden Löwen noch ein weiteres Steak vor, bevor er sich an den Ohren ihrer Kinder satt isst. Als Besitzerin eines fressdummen Labradors kenne ich, welchen Effekt das füttern durch Fremde hervorruft. Nur hätte ich nicht damit gerechnet bei meiner Tochter auf ähnliche Probleme zu stoßen. Zu Hause machen die beiden dann auch noch gemeinsame Sache. Während der Hund viel zu gutmütig ist, uns um des Essen Willens anzuknurren und sich eher durch Penetranz als Aggressivität im Bettelverhalten auszeichnet, übernimmt Madame den kampfeslustigen Part und ergaunert sich so Happen, die sie dann ganz elegant fallen lässt, wo der Hund schon parat steht, sie aufzunehmen. Damit versaut sie mir die jahrelange strenge Erziehung innerhalb einer Mahlzeit. Also wird der Hund zum Essen nach draußen verbannt und Madame kann den Boden mit angelutschten Brot, ausgezutschten Tomaten und durchgekauten Paprika pflastern. Ich mutmaße, dass das Werfen mit Nahrungsmitteln bei meiner Tochter exponentiell mit ihrem Sättigungsgrad zunimmt. Daher wird das Essen nun beendet, sobald das Brot zum dritten Mal fliegen lernt. Trotzdem sieht es hinter her aus, wie nach dem 18. Geburtstag meines Bruders. Im übrigen habe ich meine Ambitionen, dass das Kind von Anbeginn und ausschließlich aus dem Becher lernt zu trinken, über Board geworfen. Das vertage ich mal auf den Sommer. Dann lass ich das Kind den ganzen Tag nackt durch den Garten rennen und am Abend wird sie in der Dusche einfach nur kurz abgespült. Das trinken aus den riesigen schwedischen Cocktailgläsern klappt hingegen ganz ausgezeichnet (natürlich mit Wasser befüllt und nicht mit Caipi). Die krallt sie sich nämlich gerne, wenn wir sie auf dem Wohnzimmertisch nicht abgeräumt haben.

Nun, diesen kleine Sauereien kann ich mit Lappen und Spülmittel begegnen. Gegen die Riesensauerei, dass ich keinen Job finde, bin ich hingegen absolut machtlos. Ich habe das Gefühl, meine Bewerbungen werden gleich auf den „Vernichtungsstapel“ gelegt, sobald die lesen, dass ich in Elternzeit bin. Viele melden sich gar nicht oder erst nach Monaten mit einer Absage. Ich bin bald dreißig und absolut perspektivlos. Als ich begonnen habe zu studieren, wollte ich Wissenschaftsjournalistin werden. Im Bachelor großartig Praktika in einer Redaktion machen oder gar ein Volontariat? Absolut undenkbar. Ich konnte das Prüfungsamt mit Ach und Krach davon überzeugen für 10 Wochen in die USA zu gehen. Auf Nebenjobs mit redaktionellen Hintergrund habe ich mich oft beworben und bin nie genommen worden. Mit Mitte Zwanzig gehörte ich halt schon zum alten Eisen. Mit den ganzen Kindern, die mit 17 oder 18 aus den Schulen an die Unis strömen, konnte ich schon damals nicht mithalten. Die haben sich ja bereits in der Grundschule für irgendein berufliches Profil entschieden, sprechen Englisch wie ihre zweite Muttersprache, haben den halben Erdball als Backpacker bereist als sie gerade laufen konnten und spätestens im Kindergarten ihr eigenes Buch veröffentlicht. Den Traum, vom Schreiben leben zu dürfen, habe ich längst begraben. Selbst als Bloggerin habe ich miserable Klicks. Meine Brigitte-Mom-Likes stagnieren seit Monaten. Aber wen wunderts. Selbst diese Sparte reißen diese großen, schönen, blonden Mütter mit den Katalogkindern, ihren Designerhäusern und skandinavischen Möbeln an sich. Die werden gehypt von der Brigitte-Redaktion. Sind Blog-LIeblinge. Themenmäßig natürlich immer nah dran: Die haben alles. Träge Eileiter, Wochenbettdepressionen, Mütterkoller, Karriereknick, Angst vorm Altern. Hab ich auch. Aber mich liest keiner. Zehn Jahre früher hätte ich mit meiner großen Klappe, Indiskretion und dem Ansprechen von Flüsterthemen noch was reißen können. Mittlerweile ist das Leben weitestgehend enttabuisiert, Charlotte Roche hat die Kotzgrenze um Meilen überschritten und unter dieser Blogschwemme ertrinken selbst die smartesten Ergüsse. An die Oberfläche schaffen es nur jene, die über entsprechende Kontakte verfügen. Da kann ich einfach nicht mithalten und ich habe keine Lust mehr drauf, Dinge zu schreiben, die keinen erreichen. Das ist wie eine Beziehung ohne Sex. Ganz nett, aber nicht annähernd befriedigend.

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