Frauenbauch

femi-biotische Themen querbeet

Archiv für den Monat “Dezember, 2014”

Einfach mal die Kresse falten

Meine Freundin hatte mich bereits vorgewarnt. Sie sagte einmal, wenn du ein Kind hast, wirst du dich vor unerbetenen Ratschläge nicht mehr retten können. Und tatsächlich von Beginn an, als ich mich das erste Mal mit meiner Tochter auf öffentliches Terrain wagte, wurde ich von Wildfremden mit Bemerkungen bezüglich meiner Mutterschaft bombardiert. Teilweise subtil, indem sich Omis in der Innenstadt besorgt nach meinem Kinderwagen mit Sirene umsahen und kopfschüttelnd ihre Erklärung für das brüllende Kind vor sich hin brabbelten. „Na, die hat doch Hunger“. Andere gehen ihrer aufklärerischen Mission ganz offensichtlich nach und sprechen einen Geradeaus auf das elterliche Versagen an. Natürlich immer mit den besten Absichten! So bin ich bereits in der Straßenbahn von einer schleußiger (=Leipziger Stadtteil mit starkem Bionaden-Biedermeier-Charakter) Übermutter auf mein armes gequältes Kind im Tragetuch angesprochen worden, dessen Beine sich offensichtlich nicht in idealer Spreiz-Anhock-Stellung befanden. Sie -natürlich selbst überzeugte Tragetuchträgerin- wollte nur das Beste. Nicht für mich. Nein, für mein Kind. Ich bedankte mich leider freundlich für die kostenlose Trageberatung, anstatt ihr ins Gesicht zu spucken. Und wäre am liebsten Im Boden versunken. Mein geliebtes Kind, für das ich ebenfalls immer nur das Beste will, hatte nämlich bis vor kurzem die unschöne Angewohnheit, sich bei jeder Unpässlichkeit durchzudrücken wie eine überreife Banane. Und sie war in ihrem bisherigen Leben sehr oft unpässlich. So auch im Tragetuch. Also habe ich sie jedes Mal, wenn sie sich im Tragetuch gewunden hat wie ein Wurm, zurück in eine super hüftschonende Spreiz-Anhock-Stellung korrigiert. Denn ich möchte ja eine Super-Mama sein und gebe mein Bestes,  wirklich immer alles richtig zu machen, liebe durch die Welt streifende Rächer der hüftdisplasiegeschädigten Kinder! Und ja, ich habe damals versagt. Denn anstatt mein Kind, als es endlich im Tragetuch Ruhe gab, in die korrekte Position zu bringen, habe ich mich in der Straßenbahn an einer Stange festgehalten. ES! TUT! MIR! LEID!

Ich dachte dieses einschneidende Erlebnis sei bereits verarbeitet, bis mir heute etwas ähnliches widerfahren ist und all die verdrängten Hass- und Schuldgefühle wieder hochkochen. Andere Stadt, andere Situation, gleiche Unverfrorenheit. Ich laufe mit meinem schlafenden Kind in der Manduca zum Mütterzentrum. Plötzlich taucht ein ungepflegter Bartträger, Typ Körnerfresser, neben mir auf und fragt, ob ich ein Tragetuch habe. Ich verneine und sage, dass ich mein Baby gerade in einer Manduca trage. Die Besorgnis weicht für einen kurzen Moment aus seinem Gesicht. Erleichtert gibt er zu, dass er glaubte, ich würde mein Kind einfach SO (!) durch die Gegend tragen. Das wäre nämlich echt schlecht…Dann runzelt er wieder die Stirn und merkt an, dass es nichts besseres gibt als ein Tragetuch für so ein kleines (!) Baby. Für die Trage sei sie noch zu klein. Und wieder spucke ich ihm nicht ins Gesicht, sondern erkläre nüchtern, dass mein Kind fast sieben Monate alt ist und Kleidergröße 68 trägt.

What the Fuck? Was ist eigentlich mit manchen Leuten da draußen los? Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Alphabetisierungsrate in Deutschland liegt bei über 95%. In 85% aller Haushalte wird das Internet zur Informationssuche genutzt. Warum erdreisten sich also ständig irgendwelche Besserwisser, wildfremden Menschen ungebetene Trage-, Still-, Ernährungs-, Säuglingspflege- oder sonst irgendeine -Beratung zu geben??? Selbst wenn mir jemand mit einem nach vorn blickenden, Baumelbein-Baby entgegen kommt, werd ich mich doch nicht anmaßen, den großen Contra-Katalog auszupacken. Ganz gleich, ob ich mein Kind im Kinderwagen, Tragetuch oder Hundeschlitten transportiere, es in Jutelappen wickel oder Polyester, es mit fünf Monaten oder fünf Jahren in den Kindergarten bringe, Mama wird sich schon ausreichend einen Kopf darum gemacht haben. Denn, auch wenn man es bei unseren gepeinigten Kindern kaum glauben mag, wir wollen wirklich nur das Beste!

Wirklich unheimlich schwer, gutes Personal zu finden

Über den Familienservice der Uni Freiburg habe ich versucht eine Babysitterin zu rekrutieren. Dort gibt es nämlich, eigens für diesen Zweck eingerichtet, eine Datenbank aus der man sich eine passende Anwärterin aussuchen kann. Also habe ich erst mal drei Damen angeschrieben, von denen sich prompt keine meldete. Nach ein  paar Tagen antwortete mir die „Katharina“ und wir vereinbarten einen Kennenlerntermin für Freitag, an dem sie dann auch absolut zuverlässig nicht erschien. Von „Katharina“ ward seither nichts mehr gehört. Und ich habe meinen ganzen Tag danach geplant. Danke „Katharina“! Hiermit verfluche ich dich, auf dass du Zwillinge bekommen wirst, die sich bis zu ihrem vollendeten ersten Lebensjahr in ihren Wachphasen beim Schreien abwechseln, sich fünf mal täglich in die Hose kacken und dich Nachts nie länger als zwei Stunden am Stück schlafen lassen. Have fun!

So, also Plan B ausgepackt und bei verschiedenen Kindertageseinrichtungen angerufen. Auf die Idee bin ich gekommen, als ich Madame Google nach „Krabbelgruppen Freiburg“ befragte, auf der Suche nach einer Möglichkeit die Kleine mit anderen Kindern zusammen zu bringen und nebenbei Mütter aus der Gegend kennen zu lernen. Hier heißt sowas jedoch Babytreff, Elterntreff oder Babycafé bzw. Elterncafé. Eine Krabbelgruppe in Südwestdeutschland ist hingegen eine Option sein Kleinkind oder Baby für einige Stunden am Tag, an einigen Tagen in der Woche in einer Einrichtung abzugeben, damit sich Mami mal in Ruhe die Nägel maniküren lassen kann…oder halt schlafen. Im wilden Osten bezeichnen wir das als Kindertagespflege. Das ist halt so wie mit den Schrippen, Brötchen, Semmeln, Wecken. Wenn ich Glück habe, kann uns eine Kita hier in der Nähe sogar für drei Nachmittage in der Woche einen Platz anbieten. Und wenn ich den Herrn am Telefon richtig verstanden habe, sollte das wohl knapp über 200€ im Monat kosten. Das wäre dann deutlich günstiger als eine Babysitterin einzustellen. Da das alles jedoch noch ungewiss ist und ich am liebsten für jetzt sofort jemanden hätte, damit ich die Familie zu Weihnachten mit selbsgebastelten Geschenken beglücken kann, habe ich noch eine Online-Anzeige geschaltet auf die sich noch mal sechs Frauen gemeldet haben. Ich habe jeder davon einen Kennenlerntermin angeboten und gerade mal zwei haben sich wieder gemeldet. Eine davon ist vom Fach und hat entsprechend hohe Gehaltsvorstellungen mit 10 bis 15 € die Stunde.

Ich finde es übrigens total schwierig herauszufinden, welche Vergütung angemessen ist. In den Foren finden sich ja die verschiedensten Summen. Manche zahlen einer Schülerin für die Nachtwache am Kinderbett vier Euro die Stunde, andere packen einen Zehner drauf. Auf dieser Karte werden die regionalen Unterschiede deutlich. Diese Seite berechnet die Vergütung anhand verschiedener Kriterien, weicht aber ganz ordentlich von der oben erwähnten Karte ab. Außerdem kann ich mir kaum vorstellen, dass in Leipzig nur 50 Cent weniger als in Freiburg gezahlt werden.

Das Baby ist wach. Adios

Ab- und wieder Aufgetaucht

Tata, da bin ich wieder! Tausend ungeschriebene Ideen später, habe ich mal wieder zwei, drei Minuten in denen meine Hände nicht zum Trösten, Tragen, Gefahren abwenden und ja, auch wieder Kisten schleppen, gebraucht werden. Um es kurz zu machen: Wir mussten aus beruflichen Gründen Leipzig verlassen und sind vergangene Woche nach Freiburg gezogen. [Das Baby ist wach geworden] Natürlich sind das nicht meine beruflichen Gründen, sondern die meines Mannes…denn ich habe keinen Beruf. Auch wenn manche jetzt einwenden würden, Mutter sein ist auch ein Beruf, dann muss ich widersprechen. Auch wenn die Arbeitsbedingungen in Deutschland immer schlechter werden, würde es wohl kein Arbeitsgericht, keine Gewerkschaft der Welt (….nun ja…vielleicht doch irgendwo auf der Welt) zulassen, dass es so einen beschissen bezahlten, null honorierten und derartig anstrengenden Job gibt, der die miesesten Arbeitszeiten überhaupt hat. „Yeah, its weekend! Oh, wait….I am a mom“

Für das Fortbestehen unserer partnerschaftlichen Beziehung und meiner mentalen Gesundheit ist es wirklich dringend erforderlich, dass wir eine Betreuung für unsere Tochter finden. Denn ich komme zu gar nichts mehr. [Gerade bearbeitet das Kind den Schaukelstuhl und wickelt sich im Antennenkabel ein. Egal, wo sich die Gefahrenquelle versteckt, das Baby findet sie.]

So, meine fünf Minuten „Freizeit“ sind vorbei….auf Wiedersehen…vielleicht bis in zwei Tagen…Wochen….Monaten…Jahren….

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