Frauenbauch

femi-biotische Themen querbeet

Archiv für den Monat “Juni, 2014”

Darf ich trotzdem heulen?

Im Mai ist unser Kinderwunsch drei Jahre alt geworden. Hätte mir jemand vor einem Jahr erzählt, ich würde in „nur“ drei Monaten schwanger sein und in 12 Monaten ein quietschfideles Baby auf dem Arm halten, hätte ich ihn als unverbesserlichen Optimisten und Träumer verunglimpft. Nun habe ich alles, was ich mir gewünscht habe…und doch könnte ich beinahe jeden Tag heulen. Natürlich habe ich gewusst, wie Säuglinge so sind. Drei Neffen habe ich schließlich in ihren schrillsten, von Koliken geplagten Stunden erlebt und unzählige Neugeborene während der Ausbildung in den Nächten auf Station versucht in den Schlaf zu wiegen. Wenn es jedoch das eigene Kind ist, das schreit, als wolle es Glas zum bersten bringen, ist das noch mal ne ganz andere Nummer. Es war mir durchaus bewusst, wie anstrengend das Wochenbett mit all seinen Tücken werden würde. Die Realität übertrifft jedoch an einigen Tagen alle Schreckensszenarien, die ich mir so ausgemalt habe. Und ich bin ein oller Pessimist! Was der Schlafentzug mit einem anstellt, ist kaum vorstellbar. Die letzte Nacht, die ich durchgeschlafen habe, war vom 13. auf den 14. Mai. Danach folgte eine Nacht voller Wehen und dann war das Kind da. Seitdem mutiere ich mit jeder Nacht mehr zum Übermüdungszombie. An eine Stilldemenz glaube ich übrigens nicht. Ich würde es eher als Schlafentzugsverblödung bezeichnen. Mit mir hochwertige Gespräche über gesellschaftspolitische oder philosophische Fragestellungen zu führen, ist völlig zwecklos. In meinem Kopf ist Rauschen und Blubbern. Die Sinne geschärft auf jedes Glucksen und Schnorcheln der kleinen Zwergenfrau. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb ich nicht schlafen kann. Aus stilltechnisch-pragmatischen Gründen schläft sie neben mir. So richtig neben mir, auf 80% der Matratze. In ihrem eigenen Bett oder zu weit Weg vom Mutti-Mief wird sie unruhig, rudert mit den Armen und grunzt und prustet wie ein Walross. Also stopfe ich mir Ohropax in die Ohren, damit ich nicht von jedem Seufzer wach werde. Aber keine Angst, so rabenmütterlich, wie das jetzt klingen mag, ist es nicht. Ich bekomme trotzdem noch alles mit, was sie akustisch so produziert. Die Fachwelt nennt dieses Phänomen Ammenschlaf. Ich finde, Amok-Schlaf triffts eher. Nach solch einer Nacht sind die Reserven für den Tag schon aufgebraucht, bevor man sie auffüllen konnte und dann wird eben der Kaffee (decof versteht sich) schon salzig von Tränen.

Wie bereits erwähnt, macht sich meine Hebamme Sorgen um meinen seelischen Zustand. Nachdem sie sich das Trauerspiel zwei Wochen angesehen hat, empfahl sie mir, mich an eine Stelle für „Frühe Interaktionsstörungen“ zu wenden, um einer möglichen Wochenbettdepression schnellstmöglich zu begegnen. Dort habe ich mir nach langem hin und her überlegen auch einen Termin geben lassen. Ich bin gespannt, was dort auf uns zukommt. Denn meiner Meinung nach, können die mir nur helfen, indem sie sagen, Frau Frauenbauch, gehen Sie mit diesem Rezept zur Apotheke und leihen Sie sich dort eine Nanny mit laktierenden Brüsten aus. Und dann schlafen Sie sich mal so richtig aus!

Was ich damit sagen will ist, dass in meinen Augen der Schlafmangel an allem Schuld ist. Und wahrscheinlich auch die Tatsache, dass ich mich damit nicht abfinden kann. Trotz durchwachter Nächte möchte ich eben am Tage funktionieren, was es nicht leichter macht. Die vermeintlich „typischen“ Bindungsprobleme an mein Kind spüre ich hingegen nicht. Ich hatte nie das Gefühl ihr gegenüber zu wenig oder das Falsche zu empfinden.

Steht es ehemaligen Kinderwünschlerinnen eigentlich zu, trotz Kind traurig zu sein, zu fluchen und zu heulen? Ich denke, ja und ich glaube, ja erst recht. Schließlich hat die lange Zeit des unerfüllten Kinderwunsches das Vertrauen in unsere Fähigkeit Mutter zu sein stark erschüttert. Wenn das kleine Nervenbündel nun über Stunden schreit, alle Versuche, sie zu beruhigen gescheitert sind, dann fühl ich mich schon ein wenig unfähig. Und ich werde wütend auf mich, naiv genug gewesen zu sein, mir -ja ausgerechnet mir!- die Mutterrolle zugetraut zu haben. Tatsächlich ist der Anteil an Frauen, die unter einer post-natalen Depression leiden unter denen, die sich einer Fruchtbarkeitsbehandlung unterziehen mussten, höher. Von der Information kann ich mir zwar auch keine gute Laune kaufen, aber es hilft meinen Zustand ein wenig besser zu verstehen.

Zum Abschluss empfehle ich allen heulenden Müttern, ganz gleich ob spontan oder artifiziell geschwängert, folgende Seite:

„15 Wahrheiten über frischgebackene Eltern“

 

 

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