Frauenbauch

femi-biotische Themen querbeet

Archiv für den Monat “Juli, 2013”

Dem Hamster sei Dank

So, jetzt wird es ernst.  Heute habe ich meinen ersten Zyklustag in der Kiwu-Klinik angemeldet und zack -keine halbe Stunde später- kam der Anruf von einer mindest ebenso zackigen Sprechstundenhilfe. Noch ehe ich irgendwas sagen konnte, hagelte es schon Anweisungen. „Ab morgen spritzen Sie bitte 50 IE Puregon bis Freitag, 9.7. und kommen dann am Samstag in unsere Sprechstunde.“ Bitte was? Ich soll also neun Tage lang ein Hormon spritzen, das meine Eierstöcke auf Fußballgröße anschwellen und meine Lungen voll Wasser laufen lassen kann, ohne zwischendurch von einem Arzt auf meine Funktionstüchtigkeit überprüft zu werden? Die Telefontante war mit meinen Ängsten vor Thrombose und Co. leicht überfordert und tat so, als hätte sie noch nie was von Überstimulation mit Puregon gehört. Außerdem hätte ich das ja sicher alles mit meiner Ärztin geklärt und die hätte doch sicher alle Risiken mit mir besprochen und das wird sicher alles seine Richtigkeit haben. Sicher! Sicher! Sicher habe ich mich in diesem Repro-Betrieb noch nie gefühlt. Und seit der Clomifen-Pleite im September letzten Jahres fühle ich mein Leben schon fast bedroht, wenn sie mir wieder irgendein Medikament andrehen wollen, um mich dann damit über Wochen ohne Ultraschall zu Hause sitzen lassen. Und ganz ehrlich: Bis gestern hatte ich noch ein Fünkchen Hoffnung in mir, den Kelch an mir vorüber ziehen zu sehen. Immerhin hatte ich am 15. Zyklustag meinen Eisprung. Das bekomme mal eine hin, mit so wunderschönen Perlenketten-Ovarien!

Morgen soll es also losgehen. Ich soll mir eine Spritze in meinen unversehrten Bauch jagen. Eines der wenigen Körperteile, auf das ich einigermaßen Stolz bin und in das ich viel Schweiß und Arbeit investiert habe. Heute habe ich mir bereits die Anleitung zum Puregon-Pen vorgenommen und die Foren durchgegoogelt, was ich beachten muss. Zum Beispiel würde mich interessieren, ob die Tageszeit, zu der gespritzt wird, die Nebenwirkungen beeinflusst. Angeblich spielt das wohl keine Rolle. Also denke ich mir, werde ich es morgens spritzen, da ich die nächsten Tage abends eher nicht zu Hause sein werde. Obwohl es natürlich schon witzig wäre, das Bolzenschussgerät mitten in der Kneipe auszupacken, um sich erst mal Hamster-Hormone zu fixen. Das sorgt mit Sicherheit für Gesprächsstoff in der Runde. Morgens ist gut…bestimmt. Und dann werde ich wieder stundenlang auf eine Hautfalte zwischen meinen Fingern starren, die schon ganz weiß gequetscht ist und mich nicht überwinden können, hinein zu stechen.  Das sind zumindest meine Erfahrungen von den Thrombosespritzen. Witzig ist auch, dass die findige Pharmafirma nur sechs Nadeln in eine Packung gesteckt hat, die für maximal 12 Anwendungen gedacht ist. Merck hat seine Millionen schließlich nicht verdient, indem es Dinge verschenkt hat. Für 330€ darf man nicht zu viel erwarten.  Da es ein Versuch ohne Insemination ist, bekommen wir das Medikament jedoch von der Kasse spendiert. Wenn wir später mit einer IUI mit Stimulation weitermachen, wird die Kasse die Hälfte der Kosten übernehmen…auch nur die Hälfte der Medikamente. Sie tragen also die vollen Kosten für eine Behandlung, die in unserem Fall mit Sicherheit nicht zum Erfolg führen wird. Nach Logik sollte an dieser Stelle nicht gefragt werden.

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Ist Reden Gold?

Vor ein paar Monaten schrieb ich noch einen wütenden Beitrag über all die überflüssigen Fragen und ihre Steller. Mittlerweile hat sich eine Art Co-Evolution vollzogen. Nun habe ich mich – nicht immer, aber immer öfter- damit abgefunden, dass beim Zeugungsprozess unserer Nachkommen mehr Personen als von der Natur vorgesehen anwesend sein werden. Nach 2 Jahren und 6 Monaten ungeschützten Verkehrs gilt unsere Partnerschaft als steril und mit der Gewissheit ohne ärztliche Hilfe niemals Kinder haben zu können, ist auch eine neue Gelassenheit in mein Leben eingezogen. Seit dem ich mich in mein Schicksal füge, ist auch mein Beziehungsohr weniger störanfällig für Fragen zu Nachwuchsplänen (…immer öfter). Irgendwie sage ich mir, wenn ich mich damit abfinden und auseinandersetzen kann, dann können die (Fragenden) das auch!

Ich gehöre zu den Menschen die ihr Herz auf der Zunge tragen. Meine Launen trage ich vor mir her, wie eine neonfarbene Sicherheitsweste mit Weihnachtsbaumbeleuchtung. Und seit dem wir erfolglos an der Neukombination unseres Erbguts arbeiten, trage ich nun auch meinen Uterus auf der Zunge. Wenn mich jemand nach unserer Familienplanung fragt, dann kann und will ich einfach nicht schwindeln, Karrierepläne herbeiflunkern oder mir ein wildes Partyleben andichten. Nein, ich sage einfach wie es ist. Das kann dann je nach emotionaler Nähe zum Fragenden kurz und knapp oder detaillierter ausfallen. Und bisher bin ich damit ganz gut gefahren. Zurückhaltung war ohnehin nie meine Stärke, weshalb ich nicht davor zurückschrecke, die „Fahrt-doch-mal-in-den-Urlaub-Fraktion“ beherzt in die Schranken zu weisen. Bisher habe ich allerdings von den meisten anstelle der Ratschlag-Keule viel Verständnis erfahren und vor allem Offenbarung!  Auch wenn kaum  einer meiner Freunde selbst von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen ist, beginnen sie von anderen zu erzählen, denen es ähnlich geht oder ging. Dadurch wird mir einerseits immer wieder bewusst, dass wir tatsächlich nicht die einzigen sind, denen der liebe Gott einen Haufen Scheiße in den Schicksalssack gesteckt hat und andererseits lerne ich die Einstellung, Ängste und Erwartungen meiner Freunde zum Thema Kinderkriegen kennen. Und ich stelle fest, es gibt kaum jemanden, der sich mit Mitte Zwanzig nicht mit dem Gedanken an und über eigene Kinder auseinander gesetzt hat. Außerdem sehe ich mich in gewisser Weise auch als Aufklärerin. Nach wie vor ist der unerfüllte Kinderwunsch ein Tabuthema, woran wir Betroffenen nicht ganz unschuldig sind. Anstatt mit Vorurteilen aufzuräumen, aalen wir uns in Selbstmitleid und sehen mit neidvollen Blicken auf die wie Unkraut sprießenden  Babybäuche in unserer Umgebung. Natürlich erinnert mich jede neue Schwangerschaft an meine eigenen ungestillten Sehnsüchte und klar, es lässt sich nicht vermeiden, die Neidforke im Herzen Pieksen zu spüren. Doch mal ganz im Ernst: Nimmt die Wahrscheinlichkeit für mich ab, schwanger zu werden, wenn es andere Frauen sind? Ganz sicher nicht! Der Klapperstorch wirft keine 348 Babys pro Jahr übern Kiez ab! Also mache ich den Mund auf, wenn meine Kollegen ihre abstrusen Vorstellungen über Adoption von sich geben! Also erzähle ich von der finanziellen Belastung und den gesundheitlichen Risiken, die eine künstliche Befruchtung mit sich bringt, wenn jemand der Meinung ist, heutzutage wäre doch alles möglich! Und wenn mein Reden bewirkt, dass die Unwissenden einmal weniger ihr ignorantes Halbwissen hinaus posaunen, dann hat sich der janze Uffwand ja schon jelohnt!

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